Vitamine und Nährstoffmangel: Warum ein genaueres Blutbild Ihr Wohlbefinden verbessern kann - Interview mit Thiemo Osterhaus

Haben Sie Rückenschmerzen oder teilweise Haarausfall? Schlafen Sie schlecht? Oder können Sie sich manchmal kaum konzentrieren? Viele Dinge, die uns im Alltag belasten, werden oft als normal angesehen. Thiemo Osterhaus, Mediziner und Gründer der Medletics Academy sieht das anders. Er plädiert für ein Gesundheitssystem, das nicht nur Krankheiten heilt, sondern auch den individuellen Menschen und sein Wohlbefinden im Blick hat. Grundlage dafür können unter anderem die Blutwerte sein. Die Idee dahinter erläutert er in seinem Buch „Der Blutwerte Code – Was dir Eisen, Omega-3, Vitamin D und Co. über deine Gesundheit verrraten und wie du sie optimierst“. ÄRZTE.DE hat mit ihm darüber gesprochen.

ÄRZTE.DE: „Regelmäßige Blutkontrollen sind der TÜV für deinen Körper.“ – So heißt es in einem Abschnitt Ihres Buches. Warum genau ist dieser Vergleich passend?

Thiemo Osterhaus: Wir machen den TÜV für unser Auto alle paar Jahre, um wirtschaftlich dazu beizutragen, dass nicht zehn Jahre später entdeckt wird, dass es zu viele Abgase rauslässt oder Ähnliches. Wir kümmern uns darum, dass etwas, was wir bezahlt haben, in so gutem Zustand ist, wie es nur geht. Die einen machen das bewusst, die anderen müssen es machen, weil das so gesetzlich vorgeschrieben ist. Beim Zahnarztbesuch machen wir etwas Ähnliches: Die meisten Menschen gehen einmal im Jahr zur Zahnreinigung. Hierbei reinigt ihnen jemand die Zähne, kuckt darauf und stellt vielleicht fest, dass sich an einer Stelle ein Loch entwickeln könnte. Da ist also jemand, der oder die sieht, wie sich etwas bei dem Patienten bzw. der Patientin entwickelt. Ich persönlich finde es also komplett unlogisch, dass wir das für 32 Zähne machen, aber für das gesamte restliche System im Körper nicht. In der Schulmedizin wird eben erst dann gehandelt, wenn ein Mensch ein Problem hat.
Rein logisch betrachtet ist es doch viel sinnvoller, etwas zu vermeiden, anstatt irgendwo anzusetzen, wenn schon etwas defekt ist. Die Blutwerte sind die Basis des Körpers, darum sollten wir uns also genauso kümmern.

Bei dem Körpergewicht haben wir beispielsweise Messmethoden, warum machen wir das nicht beim Inneren des Körpers genauso? Und da ist das Thema Blutwerte meiner Ansicht nach das absolute A und O. 
Von meinem Buch sollen nicht nur Endkunden und -kundinnen profitieren. Auch Ärzte bzw. Ärztinnen können hieraus vielleicht noch etwas mitnehmen.

Wir haben einfach ein krankheitsorientiertes System und das ist auch okay. Wir brauchen meiner Meinung nach aber noch eine Alternative. Das eine soll nicht über den Haufen geworfen werden, sondern wir brauchen noch etwas dazu.

ÄRZTE.DE: Unser Gesundheitssystem ist an der ein oder anderen Stelle sicher noch verbesserungswürdig. Welche grundlegenden Probleme würden sie angehen?

Thiemo Osterhaus: Wir betrachten den Körper als unterschiedliche Kompartimente und das ist auch gut so, weil wir das in spezifischen Situationen, wie zum Beispiel Krebs, brauchen. Das Problem hierbei ist aber, dass alle Menschen in dieses spezifische System reingedrückt werden. Wir sind super gut was Akutmedizin angeht. Früher sind die meisten an einem Herzinfarkt gestorben. Das passiert auch heute noch. Wenn diejenigen aber früh genug ins Krankenhaus kommen, sterben sie nicht mehr. Wissenschaftlich sind wir in der Medizin auf einem wirklich guten Level, aber dieses System wird genutzt, indem es auf jede(n) übergestülpt wird. Hier liegt das Problem, warum es meiner Meinung nach nicht funktionieren kann.

Viele Menschen haben einen großen Teil an Nährstoffmängeln. Aber erst einmal muss eben untersucht werden, wo genau es einem Menschen eigentlich fehlt, um dann zu überlegen, wie demjenigen denn jetzt geholfen werden kann, damit das System überhaupt wieder arbeitet.

Ich würde das schon als eines der Grundprobleme bezeichnen. Wir schießen ganz oft mit viel zu großen Waffen auf etwas, weil wir auch gar keine Zeit haben herauszufinden, auf welchem Stand der oder die Patient:in ist.

ÄRZTE.DE: Sie arbeiten mit einem selbstentwickelten System, dass Patienten und Patientinnen in die Zustände Krank, Gesund und GAP einteilt. Wann genau befindet sich ein Mensch in der GAP? Und können Sie die Bedeutung dahinter eventuell anhand eines Beispiels erklären?

Thiemo Osterhaus: Mein Gedanke hinter dem GAP-System war, den Leuten etwas mitzugeben, das einfach zu verstehen und gut wiederzugeben ist. Wir wissen, was Krankheit ist (linke Seite) und wir wissen, was Nicht-Krankheit ist (Mitte). Wir wissen aber nicht wirklich, was Gesundheit ist. Wenn man sich die Definition von Gesundheit ansieht, ist das fern von körperlicher und psychischer Krankheit. Wir definieren Gesundheit, indem wir Krankheit ablehnen. Die Frage hierbei ist, wer denn wirklich gesund und wer krank ist und wer sich dazwischen befindet. Wenn wir die Menschen jetzt mal ausschließen, die krank sind, gibt es ja einige, die sich super fühlen und es gibt Menschen, die laut Schulmedizin gesund sind, aber sich trotzdem nicht gut fühlen. Und das bedeutet die GAP.

Beispiel: Ihnen geht es eigentlich ganz gut, Sie werden auch nicht öfter krank. Aber Sie merken, dass Sie schlecht schlafen, das Aufstehen und Konzentrieren sehr schwerfällt und dass es beim Duschen öfter zu Haarausfall kommt. Damit gehen Sie zum Hausarzt bzw. zur Hausärztin. Als Folge wird oft ein großes Blutbild durchgeführt. Diese Ergebnisse werden überprüft und es wird festgestellt, dass sie im guten Normalbereich liegen. Die Referenz mancher Werte geht aber, je nach Labor, so von 10 bis 400. Daher ist es nahezu unmöglich, aus diesem Bereich herauszufallen.

Wenn wir uns die wissenschaftlichen Daten aber anschauen, sind einige Dinge wie Abgeschlagenheit, Haarausfall oder Konzentrationsprobleme schon ab einem Eisenwert (Ferritinwert) von unter 50 möglich. Wir wissen aus den Daten also, dass solche Dinge unter 50 auftreten, der Referenzwert gibt aber ja nur statistisch wieder, wie viele Menschen sich in dem Bereich befinden. Der Arzt oder die Ärztin sieht sich die Ergebnisse also an und stellt fest, dass alles in Ordnung ist. Diese(r) Patient:in ist aus schulmedizinischer Sicht gesund, da keine Krankheiten vorliegen. Da es ihm bzw. ihr aber weder richtig schlecht noch sehr gut geht, befindet er oder sie sich in der GAP. Ganz einfach wäre es in diesem Fall den Ferritinwert zu erhöhen und auf gesunde 100/120/130 zu bringen.

Solange ein Wert, wie in diesem Beispiel, nicht bei drei liegt, wird er komplett ignoriert.

Der Begriff GAP ist aus diesem Lückensystem entstanden. Ich wollte ganz klar Gesundheit, Allseitigkeit bzw. Ganzheitlichkeit und ich wollte, dass die Menschen auch verstehen, dass es um Leistungsoptimierung geht. Das bedeutet nicht nur sich sportlich zu verbessern, sondern sich eben auch über den Tag wieder gut zu fühlen. Das hängt allerdings davon ab, an welchem Punkt ich starte. Wenn ich den Ausgangspunkt gar nicht kenne, ist Leistungsoptimierung schwer zu messen. Das ist so wie beim Abnehmen: Wenn ich nicht weiß, wo ich angefangen habe, und ich stelle mich irgendwann auf die Waage, sehe ich ja nur, wie viel ich wiege und nicht, wie viel ich tatsächlich abgenommen habe.

ÄRZTE.DE: Um die genauen Blutwerte zu erfahren, muss also in jedem Fall das Blut untersucht werden. Dies passiert aber bei den meisten Patienten und Patientinnen mit Sicherheit nicht regelmäßig. Können Sie uns ein paar Dinge nennen, die im Alltag optimiert werden können, um gute Voraussetzungen für Blutwerte im Normalbereich zu schaffen? 

Thiemo Osterhaus: Letzten Endes betrifft das das „A“ von GAP, also das Thema Allseitigkeit. Eine gesunde und ausgewogene Ernährung spielt natürlich eine essentielle Rolle. Das ist tatsächlich auch gar nicht so kompliziert wie die meisten denken.
Laut der nationalen Verzehrstudie nimmt die allgemeine Bevölkerung, also Mann und Frau im Durchschnitt, pro Tag ca. 150-160 Gramm Gemüse am Tag zu sich. Das ist nicht mal eine große Paprika. Wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit zu sterben mit dem Anteil an Ballaststoffen prozentual sinkt. Das heißt, dass zwischen 500 und 700 Gramm Gemüse sicher nicht verkehrt wären.

Genauso wie Bewegung: Wir sollten versuchen, jeden Tag zumindest 7.000 Schritte zu gehen. Wichtig ist auch eine Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining zu machen. Die Zeit für eine Stunde am Tag kann meines Erachtens jeder Mensch einräumen. Stattdessen machen die Leute aber eher Dinge wie auf dem Sofa liegen. Das kann man alles machen, dann muss man aber auch damit klarkommen, dass man irgendwann Probleme bekommt. Der Mensch ist einfach nicht dafür konzipiert, rumzusitzen und fünf Eis hintereinander zu essen. Natürlich kann das jede(r) mal machen – ich mache das ja auch. Aber nicht jeden Tag.

Es sollte einfach von allem so ein bisschen was gemacht und nicht in einem Extrem gelebt werden. 
Manche Patienten und Patientinnen erzählen mir, sie bräuchten genetisch bedingt nur 5 Stunden Schlaf. Das ist Blödsinn! Schlafmangel kann irgendwann langfristig zu psychiatrischen Problemen wie Depression führen. Ein Großteil unseres Immunsystems arbeitet nachts, weniger tagsüber. Wenn ich diesem also plakativ nur 5 Stunden zu arbeiten gebe, wird am Ende wahrscheinlich auch einfach weniger Output bei rumkommen.

ÄRZTE.DE: Sie sprechen unter anderem von dem grundlegenden Unterschied von einer Infektion und einer Entzündung. Fälschlicherweise werden die beiden Begriffe oft synonym verwendet, obwohl sie verschiedene Ursachen und Mechanismen haben. Was genau ist der Unterschied zwischen den beiden Bezeichnungen? Besteht bei beidem immer eine Gefahr für den Körper?

Thiemo Osterhaus: Eine Gefahr besteht potenziell bei beiden Sachen. Auf eine Infektion folgt grundsätzlich immer eine Entzündung. Wir infizieren uns also mit Bakterien oder Viren, die nicht zu uns gehören. Die Entzündung ist hierbei dann die Abwehrreaktion, also die Lösungsstrategie des Körpers etwas zu bekämpfen oder auf etwas zu reagieren.
Eine Entzündung muss allerdings nicht immer mit einer Infektion einhergehen. Wenn wir uns beispielsweise schneiden, entzündet sich die Stelle, damit der Körper sie heilt. Entzündungen sind also auch heilsame Prozesse. Wenn ich Sport mache, wird die Muskulatur durch Krafttraining kurzfristig zerstört. Hier entsteht also eine kurzfristige Entzündung, wodurch der Muskel aber wieder neu aufgebaut wird.

Das Problem ist, dass wir heutzutage andere Alltage haben, als unser Körper Lösungsstrategien zur Bewältigung hat. Wir haben heute zum Beispiel unglaublich viel mit Stress zu tun, bei dem vom Körper Cortisol produziert wird. In dieser Situation brauchen wir von jetzt auf gleich unglaublich viel Energie. Das funktioniert über verschiedene Stoffwechselprozesse, aber auch darüber, dass viele verschiedene Barrieren in unserem Körper zum Beispiel durchlässiger gemacht werden können. Und das passiert auch bei Entzündungen. 

ÄRZTE.DE: Die häufigsten Mängel, die bei Menschen vorkommen, sind Vitamin D3, Eisen und Selen. Um dem entgegenzuwirken, ist es möglich zusätzlich sogenannte Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Ist das eine sinnvolle Option? 

Thiemo Osterhaus: Grundsätzlich hängt das davon ab, wie viel Zeit investiert werden möchte, wie sehr man sich mit dem Thema auseinandersetzen will und wie der Alltag aussieht. Generell finde ich persönlich an Nahrungsergänzungsmitteln überhaupt nichts Schlimmes. Das hängt aber maßgeblich davon ab, was man davon zu sich nimmt. In den Medien wird ständig negativ über Nahrungsergänzungsmittel geredet. Sie würden unter Lebensmittel fallen und nicht unter Pharmaziegesetze, wären deswegen auch nicht geprüft und so weiter. Natürlich gibt es ganz viele Firmen, die viel Schrott machen. Deswegen ist es im ersten Schritt ganz wichtig, sich eine Firma zu suchen, die ein vernünftiges geprüftes Produkt verkauft.

Ich habe unglaublich viele Patienten und Patientinnen, die nicht direkt Medikamente einnehmen wollen. Wir arbeiten zwar auch viel mit Medikamenten, aber eher nur sporadisch, um für eine kurze Zeit den Druck aus dem System zu nehmen. Wir überlegen uns dann eine Strategie, das Medikament auch wieder heraus zu nehmen. Man kann mit Nahrungsergänzungsmittel unglaublich viel und vor allem unglaublich schnell Dinge in den Griff bekommen.

Ich benötige für eine(n) Patienten bzw. Patientin allerdings erst einmal Werte, um zu entscheiden, welche Nahrungsergänzungsmittel Sinn ergeben würde. Die allgemeinen Referenzbereiche sind zwar super, aber nur für die allgemeine Bevölkerung. Diese können helfen, ich will aber trotzdem eine individuellere Herangehensweise.
Habe ich jetzt aber einen Menschen vor mir sitzen, der keine 200€ für einen genauen Test zur Verfügung hat, dann würde ich ihn die Basissachen, von denen ich weiß, dass sie meistens in einem Mangel sind, in einer niedrigen Dosierung nehmen lassen. Nach 3-4 Monaten würde ich dann hier wieder messen. Bei Selen würde ich das zum Beispiel nicht machen, aber auf jeden Fall bei Vitamin D und Omega-3. Und wenn ich eine(n) Veganer:in behandle, wo der Kontext wieder ein ganz anderer ist, würde ich hier noch B12 hinzugeben. Und auf jeden Fall auch Eisen.

Das hängt also alles von dem Kontext eines Menschen ab. Aber grundsätzlich kann man schon sagen, dass es gar keinen Grund gibt, warum Menschen heutzutage auf diese wissenschaftliche Entwicklung von Nährstoffen verzichten sollten. Wenn du Nährstoffe über deine Ernährung zu dir nehmen willst, nimmst du ja auch Kalorien zu dir. Und das tu ich bei Nahrungsergänzungsmitteln beispielsweise nicht. Das bedeutet, ich kann viel gezielter und kontrollierter arbeiten. 
Ja, es gibt potenzielle Risiken, die gibt es aber auch wenn ich Auto fahre. Aufgrund der Nebenwirkungen wird das Thema unglaublich breitgetreten. Davon merken wir aber im Alltag überhaupt nichts. Viel mehr sehen wir Nebenwirkungen von zu niedrigen Blutwerten.

Thiemo Osterhaus – Der Blutwerte-Code

ISBN: 978-3-7423-2400-9

erschienen im riva Verlag

Das Interview führte unserer Redakteurin Nina Kischke.

 

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