Was hilft wirklich bei Migräne? Neurologin Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee im Interview

Nahaufnahme einer Frau, die Kopfschmerzen hat und die Hand gegen die Stirn presst. Neben Kopfschmerzen zeigt sich Migräne durch einige weitere Symptome. | © goodluz - stock.adobe.com

CGRP Antikörper, Botox oder Rimegepant - gegen Migräne gibt es inzwischen viele neue Behandlungen und Medikamente. Doch was hilft Betroffenen wirklich und was ist besonders wichtig bei Migräne? Neurologin Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee, auch bekannt als Migräne-Doc, hat dazu ein ausführliches Buch geschrieben.

Für uns gibt sie einen Einblick, in die Migräne-Therapie und klärt über Mythen und falsche Annahmen auf.

ÄRZTE.DE: Welche drei Fragen begegnen Ihnen am häufigsten in der Migräne-Ambulanz?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee:

  • Was ist die Ursache meiner Migräne?
  • Ist das wirklich Migräne?
  • Welche Therapie hilft am besten?

ÄRZTE.DE: Und was raten Sie den Patienten und Patientinnen dazu?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee: Die Ursachensuche bei Migräne ist für viele Betroffene oft unbefriedigend. Das liegt daran, dass Migräne eine neurologische Erkrankung ist und nicht einfach dadurch entsteht, dass irgendwo ein einzelner Schalter umgelegt werden muss – etwa ein bestimmter Nährstoff fehlt oder ein Lebensmittel weggelassen werden sollte. Wenn man Migräne auf diese Weise betrachtet, laufen Betroffene Gefahr, sich jahrelang an einer endlosen Ursachensuche abzuarbeiten, ohne therapeutisch wirklich weiterzukommen. 

Gerade weil Migräne ein so vielschichtiges Krankheitsbild ist, ist es entscheidend, zunächst die richtige Diagnose zu stellen. Es muss klar sein, ob es sich tatsächlich um Migräne handelt oder vielleicht um einen Spannungskopfschmerz, einen Clusterkopfschmerz oder eine andere Kopfschmerzerkrankung. Diese Differenzierung ist die Grundlage jeder erfolgreichen Therapie und lässt sich anhand einer guten Anamnese meist leicht machen. 

Auf dieser Basis können wir dann gemeinsam und individuell besprechen, welche Therapieoptionen sinnvoll sind. Und hier gibt es heute sehr viele unterschiedliche, gut wirksame Möglichkeiten, die wir gezielt auf den einzelnen Menschen abstimmen können.

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee

ist Neurologin und Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums und Schwindelzentrums der Neurologie der Universitätsmedizin Essen. Dort forscht und arbeitet sie rund um die Themen Migräne, Kopfschmerz und Schwindel. Sie war unter anderem an der Entwicklung der App headacy beteiligt, informiert unter @migraene_doc auf Instagram und hat das Buch „Migräne Doc“ veröffentlicht.

Die Migräne Diagnose - wie und wo?

ÄRZTE.DE: Sie forschen zu Kopfschmerzen. Was unterscheidet die Migräne von anderen Kopfschmerzarten?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee: Migräne ist eine ganz besondere Form von Kopfschmerzen, weil sie weit über Kopfschmerzen hinausgeht. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung mit sehr vielfältigen Symptomen.

Bei vielen Betroffenen beginnen die Veränderungen schon bis zu 48 Stunden vor den eigentlichen Kopfschmerzen – zum Beispiel mit Stimmungsschwankungen, verändertem Appetit, Müdigkeit oder vermehrtem Gähnen. Vor der Attacke können sogenannte Aura-Symptome auftreten, also neurologische Zusatz- oder Ausfallsymptome wie Sehstörungen mit Flimmerskotomen, Sprachstörungen oder in seltenen Fällen sogar Lähmungen. In solchen Fällen kann eine Migräne aussehen wie ein Schlaganfall. Hinzu kommen vegetative Symptome wie Licht- und Lärmempfindlichkeit, die auch außerhalb der eigentlichen Kopfschmerzphase eine Rolle spielen können. Migräne kann auch ganz ohne Kopfschmerzen auftreten und dann nur Schwindel sein, eine sog. vestibuläre Migräne.

All das macht Migräne einerseits sehr spannend, andererseits aber auch so komplex und erklärungsbedürftig.

ÄRZTE.DE: An wen kann ich mich wenden, wenn ich eine Migräne bei mir vermute?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee: Der erste Ansprechpartner ist in der Regel die Hausärztin oder der Hausarzt. Dort kann Migräne häufig bereits gut diagnostiziert und auch initial behandelt werden. Viele Verläufe lassen sich auf dieser Ebene sehr gut begleiten.

Wenn die Erkrankung komplexer ist, die Beschwerden schwerer sind oder die bisherigen Therapien nicht ausreichend helfen, ist eine weiterführende Abklärung sinnvoll. Dann kommen Neurologinnen und Neurologen oder spezialisierte Schmerzmediziner:innen ins Spiel. In besonders schwierigen Fällen oder bei chronischen Verläufen kann es außerdem sinnvoll sein, ein tertiäres, auf Kopfschmerzen spezialisiertes Zentrum einzubeziehen.

Welche Rolle spielen die Auslöser der Migräne?

ÄRZTE.DE: Ein wichtiger erster Schritt in der Migräne-Behandlung ist, Auslöser zu erkennen. Wie geht das am besten?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee: Das Thema Auslöser wird bei Migräne häufig überschätzt. Für die meisten Migräneattacken gibt es keinen einzelnen, klaren Auslöser. In der Regel müssen viele Faktoren zusammenkommen – und von einigen wissen wir bis heute gar nicht genau, welche Rolle sie spielen –, damit es zu einer Attacke kommt.

Echte, klare Auslöser sind meist relativ leicht zu erkennen, weil sie sehr zuverlässig Migräne auslösen. Ein klassisches Beispiel ist die Menstruation oder auch bestimmte Alkoholarten, häufig zum Beispiel Rotwein. In solchen Fällen kann man gezielt entscheiden, ob man diesen Auslöser meidet.

In der Mehrzahl der Fälle lassen sich aber keine so eindeutigen Trigger identifizieren. Häufig spielen dann Faktoren wie ein unregelmäßiger Lebensrhythmus, wechselnde Schlafzeiten, Stress, Wetterwechsel oder unregelmäßige Mahlzeiten eine Rolle. Wichtig ist dabei zu verstehen: Diese Faktoren wirken sehr individuell und auch nicht immer gleich. Je nach Lebensphase, Belastung oder hormoneller Situation können unterschiedliche Dinge stärker oder weniger stark ins Gewicht fallen.

Deshalb geht es weniger darum, jeden möglichen Auslöser zu kontrollieren, sondern vielmehr um ein gutes Gesamtverständnis der eigenen Migräne.

Buchcover Migräne-Doc

ÄRZTE.DE: Was können Betroffene tun, wenn Sie Ihre Auslöser entdeckt haben?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee: Wenn klare Auslöser bekannt sind, kann man sie bewusst berücksichtigen. Wichtig ist aber, sich nicht immer weiter einzuschränken. Oft ist ein stabiler Lebensrhythmus mit regelmäßigem Schlaf, Essen und Stressmanagement hilfreicher als die Suche nach perfekter Vermeidung. Auslösermanagement ist nur ein Teil einer umfassenden Migränetherapie. Man darf sich aber auch dafür entscheiden, den Rotwein zu genießen und dafür die Migräneattacke in Kauf zu nehmen. 

ÄRZTE.DE: Können im Laufe der Zeit auch neue Auslöser hinzukommen?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee: Ja, neue Auslöser können im Laufe der Zeit durchaus hinzukommen. Migräne ist keine statische Erkrankung, sondern verändert sich im Verlauf des Lebens. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass sich Lebensumstände ändern – zum Beispiel durch einen neuen Job, eine neue Partnerschaft oder veränderte Belastungen im Alltag.

Gerade bei Frauen spielt auch die hormonelle Situation eine große Rolle, die sich im Laufe des Lebens immer wieder verändert. Aber auch unabhängig davon verändern wir uns selbst: Wir reagieren anders auf Stress, haben andere Ressourcen oder andere Belastungsfaktoren.

Deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass man die eigene Migräne nicht einmal „lernt“ und dann für immer verstanden hat. Vielmehr ist es ein lebenslanger Prozess, die Erkrankung immer wieder neu einzuordnen und die Behandlung gegebenenfalls anzupassen.

Migräne-Medikamente: Wann hilft welches?

ÄRZTE.DE: Inzwischen sind auch einige Medikamente zur Migräne-Prophylaxe auf dem Markt, z. B. CGRP-Spritze oder Botox. Für wen sind diese zu empfehlen?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee: Moderne Migräne-Prophylaxen wie CGRP-Antikörper oder auch Botulinumtoxin kommen grundsätzlich dann in Frage, wenn Migräneattacken die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Betroffene nicht mehr zuverlässig arbeiten können, am sozialen Leben eingeschränkt sind oder ständig in Angst vor der nächsten Attacke leben.

Welche prophylaktische Therapie sinnvoll ist, hängt von mehreren Faktoren ab: davon, wie häufig und wie schwer die Migräne auftritt, ob es zusätzliche Erkrankungen gibt, welche Erfahrungen bereits mit anderen Medikamenten gemacht wurden und auch davon, welche Erwartungen und Wünsche die Betroffenen an eine Behandlung haben.

Nicht zuletzt spielen auch ganz praktische Aspekte eine Rolle, etwa welche Therapien von den Krankenkassen übernommen werden. Deshalb ist die Auswahl der Migräne-Prophylaxe immer eine individuelle Entscheidung, die gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt getroffen werden sollte.

ÄRZTE.DE: Wie sieht die Akuttherapie bei Migräne aus?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee: Die Akuttherapie der Migräne besteht aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen. Zu den nicht-medikamentösen Anteilen gehört, dass sich Betroffene während einer Attacke möglichst zurückziehen, sich hinlegen, das Licht dimmen oder ausschalten und zur Ruhe kommen. Das allein kann die Beschwerden oft schon etwas lindern.

Zentral sind aber auch wirksame Medikamente. Diese wirken vor allem dann gut, wenn sie frühzeitig im Verlauf der Attacke eingenommen werden. Dazu gehören klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol, aber auch migränespezifische Medikamente wie die Triptane. Diese sind häufig wirksamer und werden – auch bei wiederholter Anwendung – oft gut vertragen.

In den letzten Jahren hat sich die Akuttherapie weiterentwickelt. Dazu zählt zum Beispiel Lasmiditan, ein Serotoninagonist, der keine Gefäßverengung verursacht. Außerdem gibt es mit den sogenannten Gepanten neue Substanzen für die Akuttherapie; in Deutschland ist hier aktuell Rimegepant verfügbar.

Wichtig ist bei allen Akutmedikamenten, sie nicht zu häufig einzunehmen, um einen Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch zu vermeiden. Für die Gepante geht man derzeit davon aus, dass sie dieses Risiko nicht oder deutlich weniger verursachen.

Ergänzend kann es sinnvoll sein, Medikamente gegen Übelkeit einzusetzen, da sie nicht nur die Begleitsymptome lindern, sondern oft auch die Wirksamkeit der Schmerzmittel verbessern.

Profi-Tipp und Migräne-Hacks

ÄRZTE.DE: Es gibt immer wieder virale „Migräne-Hacks“, die ähnlich gut helfen sollen, wie Medikamente, zum Beispiel eine Haarspange an der Augenbraue. Sind solche Tricks empfehlenswert?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee: Pauschal lässt sich das natürlich nicht beantworten, aber die allermeisten sogenannten Migräne-Hacks sind eher Unsinn. Sie sind vor allem dafür gemacht, in sozialen Medien Aufmerksamkeit und Klicks zu generieren, nicht um Betroffenen wirklich zu helfen. Häufig bagatellisieren solche Tricks die Migräne und werden der Schwere dieser neurologischen Erkrankung überhaupt nicht gerecht.

Zudem besteht die Gefahr, dass man sich mit solchen Hacks sogar schadet. Ein Beispiel ist der kürzlich kursierende Tipp, die Füße in sehr heißes Wasser zu stellen – das kann im schlimmsten Fall zu Verbrennungen führen.

Natürlich kann es individuelle Maßnahmen geben, die einzelnen Menschen subjektiv helfen. Diese ersetzen aber keine evidenzbasierte Therapie. Bei Migräne ist es wichtig, sich an bewährte, sichere Behandlungsstrategien zu halten und neue Tipps kritisch zu hinterfragen.

ÄRZTE.DE: Was möchten Sie zum Abschluss allen Menschen mit Migräne mit auf den Weg geben?

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee: Mir ist wichtig, Menschen mit Migräne mitzugeben, dass sie Expertinnen und Experten für ihre eigene Erkrankung werden dürfen – und auch sollen. Es gibt bei Migräne kein ‚One-fits-all‘-Konzept, das man einfach verschreibt und dann funktioniert alles. Eine gute Migränetherapie ist immer ein gemeinsamer Prozess.

Das bedeutet, dass Betroffene aktiv an der Therapie mitarbeiten, ihre Erkrankung kennenlernen und gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten passende Strategien entwickeln. Über den eigenen Lebensstil, den Umgang mit Stress, Schlaf oder regelmäßige Mahlzeiten hat man oft mehr Einfluss, als man zunächst denkt.

Migräne ist eine ernsthafte Erkrankung – aber man ist ihr nicht hilflos ausgeliefert. Mit Wissen, individueller Therapie und guter Begleitung lässt sich die Lebensqualität häufig deutlich verbessern.

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