Neue klinische Cannabis-Studien und die Evolution der ärztlichen Verordnung

Vier Personen bei einem Fachgespräch zu Medizinalcannabis und ärztlicher Verordnung Neue klinische Studien sollen die Evidenz für Medizinalcannabis stärken und mehr Sicherheit in der ärztlichen Verordnung schaffen. | © erwinbosman - pixabay.com

Medizinalcannabis hat sich in wenigen Jahren von einer Nischenoption zu einem festen Bestandteil der Schmerztherapie entwickelt. Doch während die Verordnungszahlen steigen, hinkt die kontrollierte Studienlage vielerorts hinterher. Genau hier setzt eine aktuelle Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) an, die neue klinische Studien angekündigt hat, ein wichtiges Signal für die evidenzbasierte Weiterentwicklung der Therapie.

Wichtig: Neue Regelung seit 30. Juli 2026
Seit dem 30. Juli 2026 werden medizinische Cannabisblüten nicht mehr von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) übernommen – auch nicht bei bereits zuvor genehmigten Therapien. Weiterhin können unter bestimmten Voraussetzungen standardisierte Cannabisextrakte sowie Arzneimittel mit Dronabinol oder Nabilon zulasten der GKV verordnet werden.

Wissenschaft trifft Praxis: Der sichere Weg zum Cannabis Rezept

Parallel zur wachsenden Evidenz hat sich auch der praktische Verordnungsweg professionalisiert. Nach ärztlicher Diagnose und Indikationsstellung erfolgt die Verordnung, die anschließend in einer Apotheke eingelöst wird. Für viele Patientinnen und Patienten läuft dieser Weg heute digital: Über spezialisierte Versandapotheken und Plattformen lässt sich ein Cannabis Rezept nach ärztlicher Prüfung ausstellen und an eine angebundene Apotheke übermitteln. Die Entscheidung über die Verordnung bleibt dabei stets bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.

Beim Medicinal Cannabis Congress in Berlin im Juni 2026 machte DGS-Präsident Dr. Richard Ibrahim deutlich, dass die Versorgung chronischer Schmerzpatienten mit Medizinalcannabis zunimmt, und dass belastbare Daten damit Schritt halten müssen. Für die Praxis ist das zentral: Erst fundierte Evidenz schafft die Sicherheit, die eine verantwortungsvolle Verordnung braucht, und verbindet so Wissenschaft mit dem klinischen Alltag.

Welche Lücken die neuen DGS-Studien schließen sollen

Rund 23 Millionen Menschen in Deutschland sind von chronischen Schmerzen betroffen, bei einem Teil von ihnen greifen klassische Therapien nur unzureichend. Zwar wird Medizinalcannabis hier zunehmend eingesetzt, doch große, kontrollierte Studien fehlten bislang für viele Indikationen. Um diese Lücke zu schließen, hat die DGS in diesem Jahr die „DGS-Initiative Klinische Studien" gegründet. Konkret geplant oder gestartet sind:

●      Fibromyalgie: n=225, Start September 2026, Studiendauer 22 bis 26 Wochen.

●      Chronische Wirbelsäulen-, Rücken- und Arthroseschmerzen: n≥1.500, Start Juni 2026.

●      Chronische Schmerzen: standardisiertes Inhalationssystem für Extrakte (THC 82 %, CBD <1 %), derzeit in der Planungsphase.

Ziel ist ausdrücklich, AWMF- und leitlinienrelevante Daten zu generieren. Flankiert wird die Initiative von der Weiterentwicklung der Praxisleitlinie „Cannabis in der Schmerzmedizin", die am 20. November 2026 auf dem DGS-Innovationsforum in Kassel vorgestellt werden soll.

Wie bessere Daten das ärztliche Vertrauen stärken

Für die Verordnungspraxis sind solche Studien mehr als akademische Grundlagenarbeit. Sie liefern die Argumente, die Ärztinnen und Ärzte für eine sichere Indikationsstellung, Dosisfindung und Aufklärung benötigen. Je klarer Wirksamkeit, Nebenwirkungsprofil und geeignete Patientengruppen belegt sind, desto sicherer lässt sich die Therapie steuern, und desto sachlicher kann die oft emotional geführte Debatte verlaufen.

Ergänzend hat die DGS das Curriculum „Cannabiskompetenz in der Schmerz- und Palliativmedizin" aufgelegt, um Fachärztinnen und Fachärzte sowie nichtärztliches Fachpersonal gezielt weiterzubilden. Evidenz und Qualifikation gehen hier Hand in Hand: Beides zusammen professionalisiert eine Therapieform, die lange unter einem Stigma litt.

Hürden im Praxisalltag und die Rolle spezialisierter Netzwerke

Trotz wachsender Akzeptanz bleibt die Verordnung im Alltag mit Aufwand verbunden. Typische Herausforderungen und mögliche Erleichterungen lassen sich gegenüberstellen:

Herausforderung in der Praxis Wie spezialisierte Strukturen helfen
Zeitaufwand für Beratung und Dokumentation strukturierte Anamnese- und Aufklärungsprozesse
Unsicherheit bei Sorten- und Dosiswahl Fortbildung, Leitlinien, standardisierte Präparate
Lieferengpässe und Verfügbarkeit Apotheken-Netzwerke mit breitem Sortiment
Weite Wege für Patientinnen und Patienten im ländlichen Raum telemedizinische Anbindung und Versand

Spezialisierte Apotheken- und Plattform-Netzwerke können den organisatorischen Teil des Prozesses bündeln, von der digitalen Rezeptübermittlung bis zur Belieferung, und so den behandelnden Ärztinnen und Ärzten Freiraum für das Eigentliche verschaffen: die medizinische Entscheidung. Wie sich diese Wege künftig gestalten, hängt allerdings auch von den geplanten regulatorischen Änderungen bei Verschreibung und Versand ab, die derzeit diskutiert werden.

Ein reifender Therapiebereich

Die neuen DGS-Studien markieren einen wichtigen Schritt in der Entwicklung von Medizinalcannabis, weg vom Einzelfall-Empirismus, hin zu belastbarer, leitlinienfähiger Evidenz. Für die ärztliche Verordnung bedeutet das mehr Sicherheit, für Patientinnen und Patienten eine besser abgesicherte Therapie. In Kombination mit klaren Verordnungswegen und professionellen Versorgungsstrukturen entwickelt sich medizinisches Cannabis so zu dem, was es sein sollte: eine seriöse, evidenzbasierte Option im Werkzeugkasten der modernen Schmerzmedizin. Die kommenden Studienergebnisse und die überarbeitete Leitlinie dürften diesen Reifeprozess weiter beschleunigen.

 

Quellen

●      Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS): DGS kündigt neue klinische Studien zu Cannabis in der Schmerzmedizin an, https://www.dgschmerzmedizin.de/news/dgs-pressemitteilungen/detail/news/dgs-kuendigt-neue-klinische-studien-zu-cannabis-in-der-schmerzmedizin-an/, aufgerufen am 18.08.2026

●      Biermann Medizin: DGS kündigt klinische Studien zu Cannabis in der Schmerzmedizin an, https://biermann-medizin.de/dgs-kuendigt-klinische-studien-zu-cannabis-in-der-schmerzmedizin-an/, aufgerufen am 18.08.2026

●      Deutscher Bundestag: Novellierung des Medizinal-Cannabisgesetzes https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw51-de-cannabis-1129260, aufgerufen am 18.08.2026

●      Bundesregierung: Strengere Regeln für medizinisches Cannabis, https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/medizinal-cannabis-2387714, aufgerufen am 18.08.2026

●      Deutsche Schmerzgesellschaft: Stellungnahme „Medizinisches Cannabis", https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/news-presse/stellungnahmen/stellungnahmen-einzelansicht?tx_ttnews%5Btt_news%5D=1136&cHash=88ea46094bc8723a90cdab773f9ab945, aufgerufen am 18.08.2026

●     Medizinisches Cannabis: GKV nimmt mehr als 200 Mio. € ein, https://de.statista.com/infografik/27137/umsatz-und-verordnungen-vom-medizinischem-cannabis-in-deutschland/, aufgerufen am 18.08.2026 

●     Rund 23 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen, https://www.tk.de/presse/themen/medizinische-versorgung/ambulante-versorgung/schmerzen-2218174?tkcm=aaus, aufgerufen am 18.08.2026

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