Videospielsucht: Eine anerkannte Krankheit

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Für die einen ist das Gaming Kult, für die anderen ist das stundenlange Sitzen vor dem Bildschirm nicht nachvollziehbar. Dennoch gehören Videospiele immer mehr zum Alltag. Ob online mit Freunden, unterwegs auf dem Handy oder auf der Konsole – überall wird gezockt. Seit Mai 2019 ist die Videospielsucht sogar in den offiziellen Katalog der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgenommen worden. Damit gehört die „Gaming Disorder“ zu den Verhaltenssüchten und ist eine anerkannte Krankheit.

Mit der Anerkennung möchte die WHO die Forschung an der Videospielsucht weiter vorantreiben. Zudem gibt sie eine Orientierung bei der Behandlung für Ärzte und Krankenkassen. Bis die neue Fassung des WHO-Katalogs alle nötigen Gremien und Übersetzungen durchlaufen hat, wird es wohl noch bis Januar 2022 dauern. Videospielfans haben aber schon jetzt viele Fragen.

Wann beginnt die Videospielsucht?

Natürlich ist nicht gleich jeder, der Video- oder Onlinespiele mag, süchtig. Auch wenn Sie mehrere Tage oder Wochen intensiv spielen, gilt das laut WHO noch nicht als krankhaftes Verhalten. Vielmehr fällt unter die Videospielsucht, wer die Kontrolle über die Dauer oder Regelmäßigkeit des Spielens verliert, andere Interessen und den Alltag dem Spielen unterordnet und trotz negativer Folgen in Familie, bei Freunden oder im Beruf weitermacht wie bisher. Hält dieser Zustand über mindestens 12 Monate an, kann laut WHO ganz klar von einer Videospielsucht gesprochen werden.

Für viele bestätigt diese Definition das Bild, des im Dunkeln sitzenden Gamers, der das Duschen vergisst und sich nur noch von Fast Food und Soft Drinks ernährt. Darunter fällt aber auch der Jugendliche, der nach der Schule sofort vor dem Bildschirm sitzt und nicht mehr an Hausaufgaben und Verabredungen mit Freunden denkt oder der Angestellte, der sich regelmäßig krankmeldet, um mehrere Tage durchzuzocken.

Wie entsteht die Videospielsucht?

Warum jemand videospielsüchtig wird und wie eventuell vorgebeugt werden kann, ist noch nicht abschließend erforscht. Untersuchungen zeigen allerdings, dass Betroffene ähnlich auf ein Bild ihres Lieblingsspiels reagieren, wie Alkoholiker auf ein Foto ihres Lieblingsbieres. Neurobiologisch ist unser Belohnungssystem also an der Sucht beteiligt. Es merkt sich die positiven Gefühle, die durch das Spielen ausgelöst werden und wünscht sich mehr davon. Deshalb stehen besonders Spiele, bei denen lange Anwesenheit oder viele kleine Schritte belohnt werden, in der Kritik.

Experten vermuten zudem eine Realitätsflucht als Auslöser für die Videospielsucht. Denn in der Spielwelt werden Sie zum Helden, der Welten rettet und großartige Dinge erreicht. Gerade, wenn der Alltag unter dem Spielen leidet, die Betroffenen Freunde oder Arbeit verlieren, werden sie noch mehr dazu verleitet, sich in die virtuelle Realität zu flüchten.

Dabei leidet nicht nur der Alltag, sondern auch die Gesundheit. Videospielsüchtige sind oft nicht mehr in der Lage, wichtige Aufgaben wie das Bezahlen von Rechnungen zu erledigen. Gleichzeitig ernähren sie sich ungesund, verpassen Vorsorgeuntersuchungen oder kurieren Krankheiten nicht vollständig aus. Der Bewegungsmangel erhöht zusätzlich das Risiko von chronischen Erkrankungen. Eine frühzeitige Behandlung der Videospielsucht wird deshalb sehr empfohlen.

Kritik an der neuen Krankheit Videospielsucht

Große Teile der Videospielebranche äußerten schon vor der Veröffentlichung des neuen WHO-Katalogs Kritik an der Einordnung. Sie sehen die Bezeichnung als anerkannte Krankheit als Verurteilung aller Videospielfans an und befürchten, dass schon das Spielen an sich als „krank“ eingestuft werden könnte. Auch unter Forschern ist die Aufnahme umstritten.

Bisher gebe es kaum Studien zu einer Videospielsucht. Grundlagen für eine Diagnose und Behandlung würden damit fehlen, die Entscheidung wäre verfrüht. Dagegen stehen viele internationale Beispiele von Videospielsüchtigen, die durch die Krankheit ernsthaften Schaden genommen haben. Einige Hersteller wie Sony haben deshalb schon weitere Maßnahmen zum Schutz angekündigt. Ob sich aus der Einordnung der WHO wirklich neue Erkenntnisse und eine sichere Therapie entwickeln lassen, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.