Therapieplatz finden: Lange Wartezeiten und Alternativen zur Psychotherapie

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Bei der Suche nach einem freien Therapieplatz fühlen sich Betroffene häufig im Stich gelassen, denn Patient:innen müssen in der Regel mit einer Wartezeit von mindestens fünf Monaten rechnen – und das, obwohl sie dringend Hilfe benötigen. Doch woran liegt das? Wie finde ich eine geeignete Psychologin bzw. einen geeigneten Psychologen? Und gibt es Alternativen zur klassischen Psychotherapie?

Wie kommt man schnell an einen Therapieplatz?

Eine Garantie, innerhalb kürzester Zeit einen Therapieplatz zu bekommen, gibt es leider nicht. Jedoch können die folgenden Anlaufstellen dabei helfen, schnell eine Therapeutin bzw. einen Therapeuten zu finden:

  • Die Koordinationsstelle Psychotherapie der Kassenärztlichen Vereinigung unterstützt Patientinnen und Patienten bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz für eine psychotherapeutische Behandlung. Die Mitarbeiter:innen vermitteln Interessierten Adressen von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die der Koordinationsstelle freie Therapieplätze gemeldet haben.
  • Darüber hinaus bietet die Informationsplattform (116117.de) der Kassenärztlichen Vereinigung und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zum ärztlichen Bereitschaftsdienst in Deutschland ebenfalls eine Arzt- und Psychotherapeutensuche an.
  • Auch die Therapeutensuche der Bundespsychotherapeutenkammer ist eine geeignete Anlaufstelle. Die implementierte Karte hilft dabei, Therapeut:innen in Ihrem Umkreis zu finden.

Egal, für welche Option Sie sich entscheiden: Sie müssen nun tätig werden und höchstwahrscheinlich lange Listen an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten durchtelefonieren. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Sie mehrere Anläufe brauchen. Denn unter Umständen kann es ziemlich lange dauern, einen Termin bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten zu bekommen.

Wie lange dauert es einen Termin beim Psychotherapeuten zu bekommen?

Der Andrang auf einen Psychotherapieplatz ist groß. Nicht zuletzt hat die Corona-Pandemie das Defizit an freien Therapieplätzen noch weiter verschärft. In der Regel dauert es also leider ziemlich lange, einen Termin bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten zu bekommen. Psychisch Erkrankte müssen aktuell bis zu neun Monate auf den Beginn einer Behandlung warten. Das belegt eine Auswertung der Bundespsychotherapeutenkammer aus dem Jahr 2019. Doch woran liegt das?

Wartezeiten auf die psychotherapeutische Behandlung

 

Krankenkassen und Berufsverbände der Psychotherapeuten uneinig

Kurzum: Krankenkassen und Berufsverbände der Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen sind sich uneins über die zur Verfügung stehenden Kassensitze für Psychotherapie. Deswegen wird an dieser Stelle nicht nachjustiert. Denn die Krankenkassen nutzen ihre eigenen Erhebungen unter Versicherten und kommen so zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen: Dem Barmer Arztreport aus dem Jahr 2020 zufolge seien bei nur 16,4 Prozent der Befragten zwischen einer vorausgehenden Psychotherapeutischer Sprechstunde und Therapiebeginn acht oder mehr Wochen verstrichen. Wie kann so eine Diskrepanz möglich sein? Laut Barmer bestünde bei der Befragung der Therapeutinnen und Therapeuten ein methodisches Problem insofern, dass diese die Wartezeiten und Anfragen entweder gar nicht oder nicht systematisch dokumentierten. Deshalb könne nur ein unvollständiges Bild gezeichnet werden. Laut Barmer liege eine grundsätzliche Unterversorgung schlicht und ergreifend nicht vor.

Das eigentliche Problem: Für die Umfrage der Krankenkasse wurden nur Menschen berücksichtigt, die zu dem Zeitpunkt einen Therapieplatz hatten. Betroffene, die weiterhin auf monatelanger Suche waren oder inzwischen aufgegeben hatten, fehlen in der Befragung.

Bedarfsplanung unterschätzt Psychotherapie-Bedarf massiv

Die derzeit geltende Bedarfsplanung unterschätzt also den Psychotherapie-Bedarf massiv. Nur der gemeinsame Bundesausschuss, bestehend aus den Krankenkassenvertretern und Vertreter der Kassenärzte, könnte etwas an dieser Situation ändern. 2019 empfahlen dort Gutachter:innen, 2.400 weitere Kassensitze für die Psychotherapie zu schaffen. Das Ergebnis: Nicht einmal halb so viele Plätze sind bis dato neu eingerichtet worden. Viele Therapeutinnen und Therapeuten haben inzwischen aufgegeben, Wartelisten zu führen, da sie diese nicht mehr in vertretbarer Zeit abarbeiten können. Das kann keine Dauerlösung sein. Hier ist die Politik gefragt und eine erneute Reform der Bedarfsplanung dringend notwendig.

Was tun, wenn man keinen Therapieplatz findet?

Auf die Schnelle keine Psychotherapeutin bzw. keinen Psychotherapeuten zu finden, ist also leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das Problem: Wer eine Therapie braucht, kann nicht einfach so lange warten. Es gibt jedoch unterschiedliche Wege und hilfreiche Angebote, die Ihnen dabei helfen können, die Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu überbrücken und so den persönlichen Leidensdruck zu mindern:

1. Akutbehandlung

Bei akuten, schweren Krisen kann eine ambulante Akutbehandlung Abhilfe schaffen. Die Wartezeit beträgt hier im Schnitt drei Wochen. Das Ziel einer Akutbehandlung ist:

- das Verhindern einer Chronifizierung der bestehenden psychischen Symptomatik, sowie
- die Stabilisierung der betroffenen Person.

Wichtig: Eine Akutbehandlung ist nur für den Überbrückungszeitraum bis zum Beginn der eigentlichen Therapie vorgesehen. Um diese Behandlung in Anspruch zu nehmen, müssen Sie sich bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten melden.

2. Psychosoziale Beratung

Psychologische Beratungsstellen bieten zwar keine klassische Psychotherapie an, können jedoch ebenfalls eine echte Hilfe sein. Denn auch hier arbeitet in der Regel fachlich geschultes Personal wie Sozialarbeiter:innen, Psychologinnen und Psychologen oder Sozialpädagoginnen bzw. Sozialpädagogen. Der Vorteil: Interessierte bekommen hier meist recht spontan einen Termin. Eine Übersicht über die Hilfestellen finden Sie im Internet unter dem Suchbegriff „Psychosoziale Beratung“.

3. Coaching

Bei einem Coaching lernen Hilfesuchende, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren und wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu finden bzw. zu erkennen. Interessierte sollten jedoch beachten, dass es hier erhebliche Qualitätsunterschiede geben kann, denn: Coaching ist im Vergleich zur Psychotherapie nicht gesetzlich reglementiert. Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass die Kosten selbst getragen werden müssen. Pro Sitzung wird hier in der Regel ein Honorar zwischen 100 und 400 Euro fällig. Die Coach-Datenbank des Deutschen Coaching Verbands bietet eine Übersicht über zertifizierte Coaches, die über eine fundierte Ausbildung verfügen und sich an ethische Richtlinien halten.

4. Selbsthilfegruppen

In Selbsthilfegruppen können sich Betroffene mit Menschen austauschen, die ähnliche Probleme und Leidensgeschichten haben. Häufig wird der verständnisvolle Umgang miteinander und das aktive Zuhören als sehr heilsam und hilfreich empfunden. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass Interessierte beim nächsten Termin einfach dazukommen können – ganz ohne Wartezeit. Hier finden Sie eine deutschlandweite Übersicht der Selbsthilfegruppen.

5. Telefonische Beratungsdienste

Auch telefonische Beratungsdienste können bei akuten Situationen oder Problemen helfen. Zwar ersetzen solche Telefonate keine Psychotherapie – jedoch sitzen auf der anderen Seite der Leitung geschulte Menschen, die Ihnen aufmerksam und wertfrei zuhören. Allein diese Tatsache kann den Leidensdruck erheblich lindern. Die Telefonate sind anonym und kostenfrei.

Notarzt

112

Ärztlicher (psychiatrischer) Bereitschaftsdienst

116 117

Telefonseelsorge

0800 / 111 0 111
0800 / 111 0 222
oder
116 123

Beratungshotline "Seelische Gesundheit"

0241 / 8036777
(erreichbar montags bis freitags, jeweils
9-12 Uhr und 13-16 Uhr)

Info-Telefon Depression 0800 / 3344533
(erreichbar immer Montag, Dienstag und Donnerstag 13-17 Uhr
sowie Mittwoch und Freitag
8.30-12.30 Uhr)
Kinder- und Jugendtelefon 
"Nummer gegen Kummer"
116 111
(erreichbar montags bis freitags 
15-19 Uhr) 
Hilfe-Telefon "Sexueller Missbrauch" 0800 22 55 530
(erreichbar montags, mittwochs und freitags 9-14 Uhr,
sowie dienstags und donnerstags
15-20 Uhr)
"SeeleFon" für Angehörige oder Betroffene einer psychischen Störung

0228 71002424
(Mo.-Do. von 10-12 und 14-20 Uhr erreichbar;
Mi. bis 21 Uhr
Fr. von 10-12 und 14-18 Uhr erreichbar)

6. Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)

Digitale Gesundheitsanwendungen, kurz: DiGAs, sind Apps auf Rezept, die als zertifizierte Medizinprodukte zugelassen sind. Meist handelt es sich dabei um onlinebasierte Selbsthilfeprogramme, die ergänzend zu einer Behandlung eingesetzt werden können. Die Auswahl der Apps ist breit gefächert und reicht von Therapieunterstützungen für Patientinnen und Patienten mit Depressionen, Angststörungen und Soziale Phobien bis hin zu Schlafstörungen. Der Vorteil: Neben Psychotherapeutinnen bzw. Psychotherapeuten dürfen auch Ärztinnen und Ärzte DiGAs verschreiben. Die digitalen Gesundheitsanwendungen können in allen gängigen App-Stores heruntergeladen werden.

Sobald Sie Ihre Verordnung von Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt erhalten haben, wenden Sie sich an Ihre Krankenkasse. Nach erfolgreicher Freigabe wird ein Rezeptcode generiert, mit dem Sie sich einloggen können. Alle verordnungsfähigen Apps finden Sie im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Die Anwendungen sind für alle gesetzlich Versicherten und viele privat Versicherte kostenfrei.

Dieser Text wurde von unserer Redakteurin Tamara Todorovic verfasst.