Poliomyelitis – die Kinderlähmung ist noch nicht ganz besiegt

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Deutschland gilt seit fast 30 Jahren als poliofrei. Dieser Erfolg hängt entscheidend mit einer in den 1960er-Jahren gestarteten Impfkampagne zusammen. Dennoch ist die Impfung gegen Kinderlähmung nach wie vor wichtig. In einigen Ländern besteht weiterhin die Gefahr, sich mit dem Virus zu infizieren. Denn Polio ist auch heute noch nicht komplett ausgerottet.

Polio wird bereits seit Jahrzehnten bekämpft

Poliomyelitis, besser bekannt unter der Abkürzung Polio oder dem in Deutschland gängigen Begriff Kinderlähmung, ist eine hoch ansteckende virale Infektionskrankheit. Die Bezeichnung Kinderlähmung stammt aus den 1960er-Jahren. Damals war die Krankheit so verbreitet, dass die Infektion oft bereits im Kindesalter erfolgt ist. Trotzdem kann sich ein Erwachsener mit dem Virus infizieren.

Um die Krankheit nach einem großen Ausbruch in den Jahren 1960/1961 in den Griff zu bekommen, startete die damalige Regierung eine bundesweite Impfaktion mit der sogenannten Schluckimpfung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO ging 1988 mit der globalen Polio-Eradikations-Initiative, kurz GPEI, noch einen Schritt weiter. Das Ziel wurde deutlich formuliert: die komplette Ausrottung von Polio.

Impfkampagne der WHO führt zum Erfolg

Mithilfe der GPEI kamen und kommen Impfstoffe bis in die abgelegensten Bereiche der Welt. So konnte bereits Ende der 1980er-Jahre bei immer mehr Menschen die wichtige Impfung durchgeführt werden. Daraufhin ging in den nächsten Jahren die Zahl der Polio-Neuinfektionen Stück für Stück zurück.
In Deutschland hat sich der Aufwand gelohnt. Seit 1992 wurde kein neuer Fall von Kinderlähmung festgestellt, bereits seit 1990 hat sich kein Mensch durch einen in Deutschland vorkommenden Virenstamm angesteckt.

Mittlerweile gelten Europa (seit 2002), Amerika (seit 1994), der Westpazifik (seit 2000) und Südostasien (seit dem 27. März 2014) als offiziell poliofrei. Diese positive Entwicklung bedeutet, dass heute etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung in Gebieten leben, in denen die Kinderlähmung der Vergangenheit angehört. Auch die weltweit erfassten Fälle sind laut WHO seit 1988 um 99 Prozent zurückgegangen. Von circa 350.000 pro Jahr auf 33 gemeldete Infektionen in 2018.

Die jahrzehntelangen Anstrengungen sind dafür verantwortlich, dass Polio heute als nahezu ausgerottet gilt. Nur Nigeria, Pakistan und Afghanistan zählen weiterhin zu den Ländern, in denen die Krankheit noch auftreten kann.

Schlechte hygienische Zustände begünstigen die Verbreitung

Dass Polio in den drei genannten Ländern weiterhin aktiv ist, hängt besonders stark mit der Hygienesituation vor Ort zusammen. Flächendeckend fehlende oder zum Teil nur schlecht ausgebaute hygienische Maßnahmen wie eine landesweite Abwasserentsorgung und -aufbereitung können die Verbreitung begünstigen. Diese Probleme sorgen dafür, dass das Virus im Wasser, Nahrungsmitteln und Getränken nachgewiesen werden kann.

Sobald der Krankheitserreger einen neuen Wirtskörper befallen hat, kann er das Blut infizieren und gelangt von dort aus zum zentralen Nervensystem sowie zum Stammhirn.

Infektionsursache kann nicht bekämpft werden

Eine Ansteckung mit Polio ist jedoch nicht sofort gleichbedeutend mit dem Ausbruch der Krankheit.

Ungefähr 95 Prozent aller Infektionen bleiben symptomfrei. Statt einer möglicherweise gefährlichen Krankheit bilden sich Antikörper, die zu einer Immunisierung gegen den Virenstamm führt. Bei den verbleibenden Patienten kann es zu einem von drei Krankheitsverläufen mit jeweils eigenen Anzeichen kommen.

  • Abortive Poliomyelitis

Die am häufigsten auftretende Polioerkrankung. Betroffene klagen über grippeähnliche Symptome wie Fieber oder Kopf- und Gliederschmerzen. Das zentrale Nervensystem (ZNS) ist hier nicht betroffen, weshalb keine Lähmungserscheinungen auftreten sollten.

  • Nichtparalytische Poliomyelitis

Bis zu zwei Prozent aller Betroffenen bekommen unter anderem hohes Fieber, leiden an Lichtempfindlichkeit oder Muskelkrämpfen. Zusätzlich ist eine Infektion des ZNS festzustellen.

  • Paralytische Poliomyelitis

Bis zu einem Prozent der Patienten mit nichtparalytischer Poliomyelitis leiden an der schlimmsten Ausprägung, der paralytischen Poliomyelitis. Bei dieser Ausprägung der Krankheit kommt es neben den bereits genannten Symptomen auch zu den charakteristischen und namensgebenden Lähmungen.

Egal welcher der drei Krankheitsverläufe auftritt, eine effektive Bekämpfung des Erregers und damit der Ursache der Kinderlähmung ist bis heute noch nicht möglich. Mit der aktuellen medizinischen Versorgung und Forschung haben Ärzte nur die Möglichkeit, mit Medikamenten die Beschwerden zu lindern oder auf auftretende Lähmungserscheinungen zu reagieren.

Eine Impfung ist der einzige effektive Schutz vor Polio

Um der Kinderlähmung effektiv vorzubeugen, ist eine konsequente Impfung beginnend im Säuglingsalter die einzige Option. Während in den 1950er und 1960er-Jahren eine Schluckimpfung durchgeführt wurde, ist heutzutage die Injektionsimpfung gängige Praxis.
Auch wenn seit dem letzten Poliofall in Deutschland fast 30 Jahre vergangen sind, ist die Immunisierung heute noch wichtig, um die Krankheit weiterhin fernzuhalten. Dass das Fehlen von Krankheitsfällen negative Auswirkungen haben kann, zeigt sich bei einem Blick auf die aktuellen Impfzahlen.

Das Robert-Koch-Institut gibt an, dass die Impfquote von 93,9 Prozent im Jahr 2016 auf 92,8 Prozent in 2018 gefallen ist. Anhand dieser uns weiterer Zahlen hat das RKI berechnet, das bei einem durchschnittlichen Geburtenjahrgang von 700.000 Kindern etwa 50.000 nicht gegen Polio geimpft sind. Durch diese Entwicklung steigt das Risiko, dass eine fast ausgerottete Krankheit sich Stück für Stück zurück nach Deutschland kämpft.