Zwangsstörungen: Wenn der Alltag vom Zwang bestimmt wird

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Die Konservendosen kommen natürlich mit dem Etikett nach vorne in den Schrank; ob der Herd wirklich ausgeschaltet ist, kontrollieren Sie lieber zweimal; und die Hände werden täglich mehrmals gründlich gewaschen – Das sind alles Handlungen, die zu unserem normalen Alltag gehören. Sie können aber auch zwanghaft werden.

Die sogenannten Zwangsstörungen, früher auch Zwangsneurosen genannt, sind eine der häufigsten psychischen Erkrankungen unter Erwachsenen. Schätzungen gehen von etwa 2 – 3 % Betroffenen in der Bevölkerung aus. Sie können schon in der Kindheit und Jugend vorkommen, sind aber unter jungen Erwachsenen besonders häufig. Ab dem 40. Lebensjahr entwickeln sie sich nur selten neu.

Zwangsgedanken und Zwangshandlungen

Für Außenstehende ist eine Zwangsstörung nur schwer nachvollziehbar. Auch dem Betroffenen ist klar, dass seine Gedanken oder Handlungen gerade keinen Sinn ergeben. Er kann sich diesen jedoch nicht entziehen. Psychologisch gesehen bestehen Zwangsstörungen aus zwei Teilen. Sie können gemeinsam oder auch getrennt voneinander auftreten.

Auf der einen Seite gibt es die sichtbaren Zwangshandlungen. Es muss mindestens zehnmal geprüft werden, ob die Tür auch wirklich geschlossen ist. Auf der anderen Seite sind die unsichtbaren Zwangsgedanken. Sie drehen sich in der Regel um religiöse Fragen, sexuelle Handlungen oder Gewalt. Ein Ehemann denkt plötzlich daran, wie es wäre seine Frau zu schlagen. In der Regel werden die Gedanken nie ausgeführt. Oft sind aber Rituale nötig, um die Anspannung loszuwerden, etwa das stille Aufsagen eines Mantras.

Zu den bekanntesten Zwängen gehören Reinigungs- und Waschzwänge, Ordnungszwänge und Zähl- beziehungsweise Wiederholzwänge. Sie werden auch gerne in Film und Fernsehen aufgegriffen. Anders als bei Figuren wie Sheldon Cooper aus Big Bang Theorie, der immer dreimal anklopfen muss, können Zwangserkrankte aber nicht einfach lernen, mit ihren Besonderheiten zu leben. Stattdessen nehmen sie immer mehr Zeit im Alltag ein, bis ein normales Leben nicht mehr möglich ist.

Diagnose und Ursache von Zwangserkrankungen

Nicht alle Rituale oder ungewöhnlichen Gedanken zählen gleich zu den Zwangsstörungen. Für eine klare Diagnose müssen sie deshalb innerhalb von 14 Tagen täglich oder zumindest sehr gehäuft auftreten. Dabei wiederholen sie sich immer wieder auf die gleiche Weise. Einen Ausweg gibt es für die Betroffenen nicht, auch wenn sie versuchen sich dagegen zu wehren. Stattdessen nehmen die Zwangshandlungen oder -gedanken viel Zeit ein und stören den Alltag oder soziale Kontakte.

Da Zwangshandlungen und -gedanken auch von anderen psychischen Erkrankungen, etwa Depressionen oder Psychosen, ausgelöst werden könnten, sollten diese ausgeschlossen werden. Zwangsgedanken müssen zum Beispiel immer von einem selbst kommen und nicht wie bei Schizophrenie von außen aufgezwungen werden. Die meisten Zwangserkrankten wissen aber schon lange vor der Diagnose von ihren Problemen. Allerdings zögern sie es hinaus, sich jemandem anzuvertrauen. Sie haben Angst, dass ihre Geschichte vollkommen verrückt klingt oder sie nicht ernstgenommen werden. Stattdessen versuchen sie, die kleinen Verrücktheiten im Alltag zu verstecken.

Woher diese genau kommen, ist noch unklar. Sicher ist nur, dass es eine erbliche Veranlagung gibt und das wohl auch der Botenstoff Serotonin an den Zwängen beteiligt ist. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine Konditionierung hinter der Erkrankung steckt. Das Gehirn Betroffener verbindet eine bedrohliche oder sozial verwerfliche Situation mit einem Zustand, etwa verdreckt sein. Um die Gefühle zu kompensieren, muss dieses Erlebnis aufgelöst werden.

Behandlung von Zwangsstörungen

Zwangsstörungen können ganz unterschiedlich aussehen und sollten deshalb auch individuell therapiert werden. In den meisten Fällen kommt eine Form der Verhaltenstherapie mit Exposition zum Einsatz. Vereinfacht gesagt werden die Betroffenen dabei den Auslösern Ihrer Zwangsgedanken oder -handlungen nach und nach ausgesetzt und müssen diese aushalten, bis die negativen Gefühle von selbst nachlassen. Dies erfordert eine hohe Motivation und viel Durchhaltevermögen der Patienten.

Zusätzlich ist die Einnahme von Medikamenten möglich. Serotoninaufnahmehemmer in hohen Dosen können die Kommunikation im Gehirn verbessern. Die Zwangsstörung lässt dadurch oft nach. Ein relativ neuer Ansatz ist auch die Achtsamkeitstherapie als Unterstützung für die Behandlung. Sie soll den Betroffenen helfen, mehr im Moment zu leben und zu entspannen.