Stress macht glücklich? – (k)ein Paradoxon

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„Ich kann heute nicht, ich bin total im Stress.“ Dieser Satz mag vielen bereits wie ein geflügeltes Wort vorkommen. Die Arbeit, die Kinder, das Haus, die kranken Eltern, ein Elternabend. Stress kommt nicht plötzlich, es ist eher ein schleichender Prozess, der oft erst zu spät wahrgenommen wird. Und wer erst mal gestresst ist, kommt schwer wieder raus.

Ursprünglich war Stress ein überlebenswichtiger Mechanismus des Urzeitmenschen. Er bot im Notfall eine blitzschnelle Reflexmöglichkeit. Im Bruchteil einer Sekunde mussten Menschen zwischen Flucht oder Angriff entscheiden. Heute ist die Gefahr, in Europa einem Fressfeind zu begegnen, gering und diese Körperfunktion wirkt etwas veraltet. Dennoch ist der Stresspegel der meisten Menschen so groß wie nie. Hoher beruflicher Druck, Mehrfachbelastungen aus Arbeit, Haushalt und Kindern und die ständige Vernetzung und Erreichbarkeit führen zu einer andauernden Stresssituation.

Je länger ein solcher Zustand anhält, desto gefährlicher wird es. Denn Stress ruft die Hormone „Adrenalin“ (erhöht die Kampfbereitschaft) und „Noradrenalin“ (für den Fluchtreflex) auf den Plan, welche auf Dauer zu einer geringeren Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit führen. Schließliche Langzeitfolgen können unter anderem Stoffwechselstörungen, Tinnitus oder auch ein Burn-out-Syndrom sein.

Eine Skala für den Stress

Um solchen Konsequenzen besser vorzubeugen, zum Beispiel in einer Gesprächstherapie, ist es wichtig, den Stress bemessen zu können. Doch der Versuch, etwas so persönliches wie das Stressempfinden in eine Skala einzuteilen, ist kompliziert. Die Psychiater Thomas Holmes und Richard Rahe haben es dennoch gewagt und mit ihrer „The Social Readjustment Rating Scale“ eine Maßeinteilung entwickelt, die Lebensereignissen Stresswerte von 0 bis 100 zuweist.

Während Weihnachten, jeder kennt den Rummel rund um die Feiertage, 13 Punkte aufweist, schlägt ein Berufswechsel mit 37 Punkten zu Buche. Der Verlust des Arbeitsplatzes mit 47 und die Trennung vom Ehepartner mit 65 Punkten sind da schon höher eingestuft. Letztlich bewertet aber jeder die Situationen in seinem Leben und auch den jeweiligen Stresslevel individuell.

Disstress und Eustress

Auch der kanadisch-ungarische Hormonforscher Hans Selye hat Stress bewertet, wenn auch in einem anderem Ansatz. Er teilte ihn erstmals in zwei Arten auf: Guter Stress, genannt Eustress (nach griech. „eu“ für „gut“) ist zum Beispiel das Verliebtsein oder ein privates Projekt, das Ihnen ans Herz gewachsen ist. Vielleicht der Bau eines Baumhauses für die Kinder oder die Umgestaltung des Gartens. Mag auch einiges nicht so laufen wie erhofft, oder sich die Fertigstellung verzögern, so freuen Sie sich dennoch weiterhin auf das Ergebnis und bleiben motiviert bei der Sache. Eustress wirkt anregend und belebend und kann die körpereigene Abwehr stärken. Einige Wissenschaftler ordnen ihm sogar eine überlebenswichtige Funktion zu, da er die Aufmerksamkeit erhöht und die allgemeine Leistungsfähigkeit fördert. Uneins sind sich führende Experten allerdings darin, ob ein sehr lange anhaltender Eustress letztlich doch zu negativem Stress führen kann.

Disstress (nach griech. „dys“ für schlecht) bezeichnet diesen negativen Stress. Er ist in einigen Situationen unabwendbar. Wenn zum Beispiel ein naher Angehöriger stirbt, gerät der Mensch in Stress den der Körper nicht verarbeiten kann. Das heißt, der Stress kann nicht kompensiert werden. Bestimmte „Coping“-Strategien, also Stressmanagement, sollen helfen diese Ereignisse zu bewältigen.

Poststress-Syndrom

Eine weitere Problematik in diesem Zusammenhang ist das Poststress-Syndrom. Dieses geht meist als Folge aus einer lang anhaltenden Stressphase hervor, gleichgültig, wie positiv oder negativ diese war. Nach dem Stress, wenn der Hochbetrieb von Seele und Körper abschlafft, werden viele Menschen krank. Dies ist auf den Dauerbetrieb des Immunsystems während der Stressphase zurückzuführen. Endet diese, braucht es eine Pause und oft folgt eine Erkrankung. Gute Beispiele dafür sind zum Beispiel Prüfungen, für welche man lange gelernt hat oder der lang ersehnte und dringend benötigte Urlaub.

Was hilft?         

Um geeignete Maßnahmen zur Stressbewältigung ermitteln zu können, muss zuerst die Ursache für den Disstress gefunden werden.

  • Haben Sie Probleme mit Ihrem Partner? Versuchen Sie anhand eines vermittelnden Gesprächs Konflikte beiseitezulegen.
  • Überfordert Sie Ihre Arbeit? Sprechen Sie mit Ihrem Chef oder Kollegen, es findet sich sicherlich eine Lösung.

Die bewusste Auseinandersetzung mit der Stressursache ist ein wichtiger erster Schritt in Richtung Entspannung. Suchen Sie sich nun ein Ventil, das Ihnen auch zukünftig helfen kann, Stress besser kompensieren zu können. Vielen hilft Sport, andere finden Ausgleich in Meditation oder kreativen Hobbys.

Progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Yoga oder Pilates sind nur ein paar der beliebtesten Wege, um zu sich und zu  mehr Ruhe zu finden.

Nehmen Sie sich etwas vor, dass Sie „alltagsfremd“ beschäftigt. Freizeitbeschäftigungen, seien es Kochen, Malen, Lesen oder kleine handwerkliche Arbeiten können helfen

Sagen Sie auch einmal „Nein!“ zu einer Aufgabe, wenn Sie das Gefühl haben, ihr oder dem Umfang nicht gewachsen zu sein. Ihr Gegenüber wird sicherlich mit Respekt und Verständnis reagieren.

Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung – das bedeutet: Umso mehr Aufgaben von außen an uns herangetragen werden, sei es durch Kollegen, den Chef oder Partner, desto gestresster werden wir. Ziel sollte es sein, sich schon im Vorhinein auf Aufgaben einzustellen und dann selbstbestimmter heranzugehen.