Prokrastination – was steckt hinter dem Drang aufzuschieben?

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Haben Sie auch schon einmal eine unangenehme Aufgabe vor sich hergeschoben? Damit sind Sie nicht allein. Bei den einen ist es die Steuererklärung, bei anderen das Lernen für eine wichtige Prüfung, ganz nach dem Motto „Morgen ist auch noch ein Tag“.
Besonders in Zeiten von Corona, wenn wir über einen langen Zeitraum hinweg die Wohnung selten verlassen, kann es schnell passieren, dass Themen überdacht und weiter nach hinten verschoben werden. Ein solches Vorgehen ist in den meisten Fällen natürlich und nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssen. Bei manchen Menschen ist das Aufschieben jedoch schon so tief verwurzelt, dass daraus schwerwiegende negative Folgen entstehen können.

Was steckt hinter der Prokrastination und gibt es ein Mittel gegen sie?

Prokrastination = Faulheit?

Der Begriff Prokrastination wird oft als Synonym verwendet, wenn eine Person zu faul ist eine wichtige Aufgabe rechtzeitig zu erledigen. Dabei ist es laut den Forschern der Prokrastinationsambulanz der Universität Münster genau das Gegenteil. Personen, die an Prokrastination leiden, führen diesen Prozess wissentlich und willentlich durch. Anstatt Nichts zu tun nutzt ein Prokrastinator die Zeit, um andere Aufgaben, als die ursprünglich vorgesehene, aktiv anzugehen. Um es einmal zu visualisieren, ein Beispiel, das so im Alltag vorkommen könnte:

Die Steuererklärung für die letzten Jahre steht noch aus und es besteht Klarheit darüber, dass es wichtig ist, diese jetzt fertigzustellen, da es sonst zu Problemen mit dem Finanzamt führen könnte. Doch statt Unterlagen zu wälzen, um die ausstehende Aufgabe abzuschließen, werden aktiv neue Baustellen gesucht, die vorrangig abgearbeitet werden.

Da es sich in diesem Beispiel um eine bewusste Entscheidung für eine andere Tätigkeit handelt und die Steuererklärung trotz drohender Konsequenzen aufgeschoben wird, kann hier von Prokrastination gesprochen werden. Dennoch ist noch jedes Aufschieben gleich als Prokrastination einzuordnen, denn eine unliebsame Aufgabe nach hinten zu verlegen ist etwas das viele Menschen kennen. Erst ab dem Zeitpunkt, an dem das bewusste Aufschieben nachweislich negative Konsequenzen mit sich bringt und sich trotzdem nichts am eigenen Verhalten ändert, kann es sein, dass es sich um ein Zwangsverhalten oder eine Störung handelt. In diesem Fall kann es helfen, ein psychologische Diagnose durchführen zu lassen.

Wie entsteht Prokrastination und welche Risikomerkmale gibt es?

Nach aktuellem Stand der Forschung gehen Wissenschaftler davon aus, dass es sich bei der Prokrastination um ein erlerntes Verhalten handelt. In der Theorie kann es somit jeden Menschen treffen und ist nicht auf eine bestimmte Personengruppe begrenzt.
Dennoch gibt es die Studien die besagen, dass Personen mit diagnostizierten Störungen wie ADHS, Depressionen oder einer posttraumatischen Belastungsstörung öfter von Prokrastination betroffen sind. Weiterhin sollen auch Menschen, die in Berufen mit einer absolut freien Zeiteinteilung arbeiten an einem erhöhten Risiko leiden.
Merkmale die bei Betroffenen festgestellt werden können sind unter anderem:

Erste Merkmale einer pathologischen Prokrastionation

Um zwischen dem pathologischen Aufschieben und dem gelegentlichen, alltäglichen Liegenlassen zu unterscheiden, haben die Forscher der Prokrastinationsambulanz Münster einen Kriterienkatalog erstellt. Wird eine Person hinsichtlich des eigenen Aufschiebeverhaltens untersucht, geht es darum zu erkennen ob aufgrund des Verhaltens

  • Schlafstörungen
  • Innere Unruhe
  • Angst- und Druckgefühle
  • Verdauungsprobleme

entstehen. Treten eine oder mehrere dieser Auffälligkeiten auf, kann eine Behandlung sinnvoll sein.

Behandlungsmöglichkeiten bei Prokrastination

Aktuell werden zur Behandlung verschiedene, erprobte, Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie angewendet, um die einzelnen Problemfelder in den Griff zu bekommen.
In verschiedenen Therapiemodulen lernen die Prokrastinatoren zum Beispiel einen pünktlichen Arbeitsbeginn einzuhalten, wodurch mehr Struktur in die Arbeit einfließen soll. Weiterhin soll mit (vorübergehenden) Arbeitszeitrestriktionen und unterschiedlichen Planungstechniken der Teufelskreis durchbrochen werden, damit ein Alltag ohne Prokrastination möglich ist.

Trotz der vermehrten Forschung stehen die Wissenschaftler noch ganz am Anfang. Auch wenn es mittlerweile starke Indizien gibt, dass es sich bei der Prokrastination um eine psychische Störung handelt und es erste ambulante Behandlungsmöglichkeiten angeboten werden, ist sie bisher nicht als psychisches Störungsbild anerkannt.

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