Die Entstehung der Pille: Geschichte der oralen Empfängnisverhütung

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Die Geschichte der Pille ist sehr eng an die Geschichte der Gleichberechtigung der Frau geknüpft und ebenso an das Loslösen alter Traditionen und religiöser Hörigkeit. Wir stellen den langen Weg der Entwicklung der Antibabypille vor.

Entwicklung der Antibabypille: Ein langer Weg 

Die Menschen waren bei der Verhütung immer schon sehr erfinderisch. Im Altertum verhütete man zumeist mit Kondomen, die aus Tierdärmen oder Fischblasen gefertigt wurden. Später dann führten die Frauen sich Schwämmchen ein, die vorher in pflanzlichen Tinkturen getränkt wurden und die Spermien abtöten sollten.

Bereits 1855 wurde das erste Kondom aus Gummi entwickelt, aber erst 1880 waren diese neuartigen Kondome zu einem sehr hohen Preis in Deutschland erhältlich. Um diese Zeit wurde auch das erste Diaphragma entwickelt und 1920 die Spirale.

Geschichte der Antibabypille

Die erste Idee für ein hormonelles Verhütungsmittel hatte der österreichische Physiologe Ludwig Haberlandt

Der Mediziner entdeckte 1921 in Tierversuchen, dass eine Befruchtung der weiblichen Eier durch Hormone verhindert werden konnte. Da Haberlandt jedoch bereits 1932 verstarb, konnte er seine Idee nicht bis zur Marktreife bringen.

Die größte Schwierigkeit lag nun in der Übertragung der Erkenntnisse auf den Menschen, denn bei uns sind der gesamte Hormonhaushalt äußerst komplex.

Chemie-Nobelpreis für Adolf Butenandt

Der deutsche Chemiker Adolf Butenandt schaffte es, nach langer und intensiver Forschung, die chemische Grundlage für eine hormonelle Verhütung zu schaffen und wurde für seine Erkenntnisse auf dem Gebiet der Sexualhormonforschung 1939 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.

Die weitere Entwicklung ist insbesondere zwei Frauen zu verdanken

Die treibenden Kräfte hinter der weiteren Entwicklung der ersten Antibabypille sind die beiden Frauen Margaret Sanger und Katharine McCormick. Margaret war Krankenschwester und sah täglich das große Elend von Frauen, die ungewollt schwanger wurden oder bei schlecht durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen starben.

1951 traf sie die vermögende Witwe Katharine McCormick und überzeugte sie, die Entwicklung der Pille zu finanzieren. Aus den ursprünglich veranschlagten 125.000 Dollar wurden dabei am Ende zwar mehr als 2 Millionen, jedoch verfügte Frau McCormick über diese Mittel und war bereit, sie zu investieren.

Sie gewannen den Pharmakologe Gregory Pincus, der letztlich die Pille gemeinsam mit seinem Team entwickelte. Im selben Jahr noch synthetisierten sie das erste weibliche Sexualhormon, gemeinsam mit dem aus Wien emigrierten Chemikers Carl Djerassi. Weitere Hormone folgten. Ende der 50er-Jahre testeten sie ihr entwickeltes Medikament an Freiwilligen in den Slums von San Juan in Costa Rica und konnten große Erfolge vermelden.

Erstzulassung der Pille in Deutschland am 1. Juni 1961

Ab 1957 wurde die Pille, namens Enovid, zunächst als Präparat gegen Menstruationsbeschwerden auf den Markt gebracht und Mitte 1960 von der amerikanischen FDA offiziell auch als Verhütungsmittel zugelassen. Ein Jahr später wurde die erste Pille mit dem Namen Anovlar aus dem Hause Schering auch in Deutschland verkauft, jedoch zunächst nur an verheiratete Frauen.

Anovlar war parallel zu der amerikanischen Variante entwickelt worden und war deutlich effektiver, sicherer und zeigte weniger Nebenwirkungen. Heute gibt es verschiedene Arten von kombinierten Pillen und Minipillen, die deutlich weiter entwickelt, zunehmend verträglicher und sicherer sind. Natürlich muss dabei stets die individuelle Situation jeder Verwenderin berücksichtigt werden, nachdem ein Arzt die richtige Pille verschrieben hat.

Heutzutage haben es Frauen deutlich leichter und können Ihre Pille online bestellen. Hierzu geht man ganz einfach auf die Webseite eines in der EU zugelassenen telemedizinischen Dienstes, nimmt an einer Online-Konsultation mit einem Arzt oder einer Ärztin teil und erhält dann direkt ein Rezept. Über eine angeschlossene Online-Apotheke kann die Pille anschließend bequem bezogen werden.

Die Pille löste eine Revolution aus

Bis 1965 lag der Anteil der Frauen, die mittels Pille verhüteten, gerade mal bei rund einem Prozent. Dies lag daran, dass diese Art der Verhütung weder politisch noch gesellschaftlich anerkannt war. Zu groß waren der Einfluss der Kirche und die moralischen Vorstellungen dieser Zeit.

Das Magazin "Der Spiegel" löste im Oktober 1966 den Knoten

Der Spiegel berichtete über eine Studie, die die amerikanische FDA in Auftrag gegeben hatte. Dies setzte einen Stein ins Rollen. Immer mehr Artikel erschienen zum Thema Sexualität und Empfängnisverhütung und die Menschen wachten auf. Das Problem war, dass sich nur wenige Ärztinnen und Ärzte mit dem Thema zuvor beschäftigt hatten und die Pille oft auch ablehnten. Frauen wurde es so erschwert an die Pille zu kommen.

Contergan bremste den weiteren Erfolg der Pille

Der Skandal um Contergan setzte 1968 einer weiteren Diskussion um die Pille erst einmal ein jähes Ende. Zu groß waren die Ängste und Befürchtungen der Frauen. Hinzu kamen immer mehr Berichte über mögliche Nebenwirkungen oder gar krebsauslösende Inhaltsstoffe.

Die Revolution kam dann erst 1971

1970 gab es dann immer mehr positive Studien und die Bundesärztekammer bot ein breitangelegtes Schulungsangebot zum Thema hormoneller Verhütung an. Bis Ende 1971 stieg so der Anteil der Frauen, die mithilfe der Pille verhüteten, auf über ein 25 Prozent. In der DDR wurde die Pille übrigens ab 1972 kostenlos abgegeben. Im selben Jahr wurde es in den USA erstmals auch nicht verheirateten Frauen ermöglicht, die Pille verschrieben zu bekommen.

Einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitlichen Aufklärung zufolge lag 2019 der Anteil der Pille an allen Verhütungsmitteln bei 47 Prozent.

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