„Du lernst, dass Glück relativ ist.“ Heike Faller im Interview

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Autorenportrait Heike Faller Was hat Heike Fallers Buch „Hundert“ mit Glück zu tun? Alles.


Denn Glück ist das, was wir sind, was uns ausmacht, was wir im Leben lernen. Für einen Zweijährigen ist es sein erster Purzelbaum, den er so lange geübt hatte. Jedem, den er trifft, erzählt er davon. So glücklich und stolz ist er. Für manche ist es die erste große Unabhängigkeit, für andere die neu gelernte Achtsamkeit. Heike Fallers Buch „Hundert – Was du im Leben lernen wirst“ ist wie ein Chamäleon – es wandelt sich mit jedem Leser zu einem neuen Buch. Mit dem Kind, vor dessen neugierigen Augen spannende Abenteuer liegen, mit den Eltern, die schon so viel mehr können und mit einem alten Freund, der sich selbst wieder entdeckt. Vielleicht erkennt er sich auch in Valerio Vidalis liebevollen Illustrationen, welche Seite für Seite das Herz des Lesers erobern.

Lernen ist Leben. Ist das die Quintessenz ihres Buches? Heike Faller schafft es, mit ihrem Buch jeden Leser anzusprechen. Sie führt ihn an der Hand durch seine Vergangenheit, und Gegenwart bis in die Zukunft und gibt ihm dabei noch wichtige Lektionen mit auf den Weg, die er noch nicht gelernt oder vielleicht schon wieder vergessen hat.

ÄRZTE.DE hat mit Heike Faller über ihr Buch gesprochen und sie zu ihrem ganz eigenen Glück befragt:

ÄRZTE.DE: Frau Faller, in Ihrem Buch beschreiben Sie 100 Dinge die wir im Leben lernen, erzählt in Lebensjahren. Im Alter von ½ etwa schreiben Sie: „Du willst alles festhalten, was in deiner Nähe ist.“ Diesen Satz könnte man auch metaphorisch verstehen: Du willst das Glück festhalten. Haben Sie einen Rat, wie man am besten Loslassen kann?

Heike Faller: Bei mir war das eine Erfahrung irgendwann mal, dass Zustände sich ändern, das Glück flüchtig ist und dass man am glücklichsten ist, wenn man das akzeptiert. Und ich glaube, das ist eine Erfahrung die viele jenseits der 30 (Jahre) einfach machen, dass man die andauernde Veränderung im Leben akzeptieren muss. Ich glaube, das ist schon ein großer Anteil.

ÄRZTE.DE: Wie autobiografisch ist Ihr Buch?

Heike Faller: Anfangs war es eine Sammlung von vielen Themen, die mir eingefallen sind oder die ich erlebt habe. Das sind bestimmt 50 % - 60 % aus dem Buch. Da habe ich dann aber schnell gemerkt, dass es eigentlich allgemeingültige Lebensthemen sind. Egal wie autobiografisch das Buch ist, viele Leser haben mir gesagt, wie sehr sie sich wiedererkennen.

ÄRZTE.DE: Für das Alter von 43 Jahren schreiben Sie: „Du hast gelernt, für dich zu sein“. Was für viele Menschen normal oder ohne Problem ist, fällt manchen Menschen sehr schwer. Oft wird „alleine oder für sich zu sein“ mit „Einsamkeit“ verwechselt. Können Sie gut für sich sein?

Heike Faller: Das ist eine Sache, die ich gut kann. Noch mit 30 Jahren war es so, wenn ich mal an einem Samstagabend alleine war, dass ich gedacht habe: „Oh Gott!“ und das ist jetzt überhaupt nicht mehr so. Ich kann das tatsächlich immer besser und ich glaube, das hat auch viel damit zu tun, dass mein Verhältnis zu mir selbst freundlicher und milder geworden ist. Ich hoffe, dass es den meisten Menschen so geht.

Ich habe aber auch gemerkt, dass viele Leser den Satz „man muss auch mit sich selbst klarkommen“ mit „du musst auch alleine leben können“ oder „glücklich sein ohne Partnerschaft“ verwechseln. So war er nicht gemeint. Wenn man mit sich klar kommt, kommt man auch besser mit anderen klar. Denn wenn man nicht mit sich alleine glücklich ist, hat man auch Probleme, die nicht weggehen, wenn man mit anderen zusammen ist oder eine Partnerschaft hat.

ÄRZTE.DE: In Ihrem Buch erscheint im Alter von 45 Jahren die „Selbstakzeptanz“. Ist Selbstakzeptanz der ultimative Weg zum Glück?

Heike Faller: Ich glaube, wenn alle Voraussetzungen gegeben sind, man jetzt nicht chronisch krank ist, denn dann ist einem das vielleicht egal. Aber wenn alle Grundvoraussetzungen stimmen, glaube ich, ist das der wirklich entscheidende Schritt. Jemand der mit sich selbst nicht zufrieden ist, sucht im Außen dann vielleicht auch Dinge, die er dort nicht finden kann. Wie Erfolg, Befriedigung oder Ähnliches. Umgekehrt braucht jemand, der auch nur halbwegs glücklich ist mit sich, nicht allzu viel im Außen um sich ganz wohl zu fühlen. Er kann sogar unter widrigen Umständen zufrieden sein. Ja, ich glaube, das ist die wichtigste Lektion.

ÄRZTE.DE: Auch das Thema „Heimat“ und der Umgang damit taucht im Buch auf, und zwar mit 65 Jahren. „Heimat“ ist ein Gefühl. Das macht den Umgang damit so schwierig. Sie hat etwas mit Erinnerung zu tun, wir vergessen aber oft, dass sie sich mit uns verändert. Sie kommen aus einem Dorf am Hochrhein und leben in Berlin. Wo finden Sie Heimat?

Heike Faller: Der Begriff Heimat ist schon wichtig für mich. Ich fühle mich in Berlin wahnsinnig glücklich und beheimatet, also ist Berlin schon Heimat für mich. Aber das Dorf meiner Kindheit, in dem meine Eltern und einige Freunde noch leben, ist schon ein sehr emotionaler Ort, ich bin dort aufgewachsen und jede Ecke ist mit Erinnerungen verbunden. Ich genieße sehr, dass es so ist, aber es hat auch immer etwas Melancholisches. Es ist vielleicht nicht mehr meine Heimat, aber es ist der Ort, an dem meine intensivsten Gefühle beheimatet sind.

ÄRZTE.DE: Natürlich lernen wir nicht nur schöne Dinge. Für das Alter von 71 schreiben Sie: „Es gibt Jahre, da ist alles schwierig.“ Ist Ihr Buch ein „Mut-mach-Buch“?

Heike Faller: Viele empfinden das Buch tatsächlich als tröstlich. Geschrieben habe ich es wirklich als ein Ausblickbuch für Kinder, um zu sagen: Guck, das kommt auf dich zu und lass uns jetzt gleich drüber reden.

ÄRZTE.DE: Würden Sie dieser Aussage zustimmen? Glück ist, neue Dinge lernen?

Heike Faller: Ja, das machen sich viele glaube ich nicht klar, wie glücklich wir tatsächlich über neue Lernerfahrungen sind.

ÄRZTE.DE: Ihre liebste Lektion?

Heike Faller: Das war dieser Satz „Du hast dich an die Welt gewöhnt, oft siehst du nicht mal den Mond.“ Mir war dieser Satz wichtig, weil ich durch die Arbeit an dem Buch gemerkt habe, wie sehr unser Verhältnis zur Welt sich im Lauf eines Menschenlebens ändert: Kinder gucken sich jede Raupe an. Dann gibt es ein Alter, da ist man von der physischen Welt nicht mehr sehr beeindruckt. Wenn man wiederum älter wird, berührt einen die Natur wieder mehr.

Trotzdem ist es wichtig, die Dinge auch in den mittleren Jahren, in denen man oft von anderen Dingen abgelenkt ist, mit frischen, neuen Augen zu sehen. Dafür steht in dem Buch der Satz: „Um die Dinge in ihrer Großartigkeit zu sehen, musst du sie aus einer neuen Perspektive betrachten.“ Und das schafft man durch einen kleinen Perspektivwechsel. Zum Beispiel der Mond. Sobald Sie sich vorstellen, er wäre so selten wie eine Sonnenfinsternis, merken Sie wieder, wie großartig er ist.

ÄRZTE.DE: Wenn wir klein sind, sagen wir oft: „Das mache ich, wenn ich einmal groß bin.“ Es ist ein Synonym für alles was wir noch machen möchten, wie eine „Bucket List“, oft wissen wir aber schon, dass es mitunter nie dazu kommen wird. Daher verwende ich diese Phrase noch immer, als Versprechen an mich sozusagen. Was wollen Sie unbedingt noch einmal lernen, wenn Sie groß sind?

Heike Faller: Was ich gerne lernen würde: Mich bei Konflikten weniger anzweifeln. Meine schlechte Laune nicht so raushängen lassen, wenn im Zug jemand laut telefoniert. Überhaupt: Im Alter nicht grumpy werden. Mich wieder länger konzentrieren können, also gutes Handy-Management. Networking. Vom Dreimeterbrett-Springen. Tiefschneefahren.

 

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Heike Faller - Hundert

Illustrator: Valerio Vidali

ISBN: 978-3-0369-5781-4

erschienen im Kein & Aber Verlag