Das Asperger-Syndrom: Wenn wir alles wörtlich nehmen

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„Du kannst mir nicht das Wasser reichen“, „Er hat sich grün und blau geärgert“, „Da ist jemand aber ganz schief gewickelt“ – was für uns ein gewöhnlicher Satz ist, löst bei Menschen mit Asperger-Syndrom Verwirrung aus. Schließlich können sie dem anderen sehr wohl eine Wasserflasche reichen, der Freund hat eine ganz normale Hautfarbe und jemanden, der schief gewickelt ist, haben sie auch noch nie gesehen.

Betroffene mit Asperger treffen wegen dieses Kommunikationsproblems häufig auf Stolpersteine im Alltag. Hinzu kommt, dass wir ihnen das Asperger-Syndrom nicht ansehen, es meist nicht einmal bemerken können. Sie sehen – bis auf eine manchmal etwas ungewöhnliche Kleiderwahl – langweilig-normal aus, können gut sprechen und sind meist sogar sehr intelligent. Trotzdem sieht es in ihrem Gehirn ganz anders aus als bei uns.

Jeder Asperger-Patient ist anders 

Das Asperger-Syndrom ist ein Teil des Autismus. Es gehört zu den Autismus-Spektrum-Störungen, denn es kann nicht immer genau von den anderen Formen abgegrenzt werden. Eigentlich beschreibt der Begriff aber nur eine Wesensart, die sich in wenigen Punkten von der gewohnten unterscheidet. Im Wesentlichen geht es bei Asperger um die soziale Interaktion und Kommunikation, um die Verarbeitung von Wahrnehmungen und um den Wunsch nach Beständigkeit.

Dabei sind die einzelnen Bereiche mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. So kann es sein, dass ein Kind mit Asperger nicht gerne umarmt wird und großen Wert auf Pünktlichkeit legt, gleichzeitig aber sehr schön mit seinen Geschwistern spielen kann. Es müssen also nicht immer alle Merkmale des Asperger-Syndroms zutreffen, um davon betroffen zu sein.

Die Herausforderungen mit Asperger

Menschen mit Asperger sind nicht krank. In unserer Gesellschaft können Sie aber trotzdem vor vielen Herausforderungen stehen. Denn in einigen Punkten verhalten sie sich anders, als wir es gewöhnt sind:

Kommunikation

In Abgrenzung zu anderen Autismus-Formen können Asperger-Autisten gut kommunizieren. Sie haben einen großen Wortschatz und drücken sich grammatikalisch korrekt aus. Allerdings bereitet ihnen die soziale Kommunikation Schwierigkeiten. So neigen Sie dazu, alles wortwörtlich zu nehmen. Zudem können Sie häufig Nuancen in der Stimmlage nicht zuordnen und sie auch selbst nicht einsetzen. Ein persönliches Gespräch ist für sie ähnlich wie eine schriftliche Kommunikation: Sarkasmus, Witze oder Übertreibungen sind nicht erkennbar.

Beziehungen und Interaktion

Mimik und Gestik sind für Menschen mit Asperger oft schwer zu entschlüsseln. Sie setzen diese deshalb selbst kaum ein. Hinzu kommt, dass Sie sich sozialen Gepflogenheiten und Höflichkeiten nur selten anpassen. Small Talk oder Kleiderordnungen haben für sie oft keinen Nutzen. Zudem sind die Reaktionen anderer oft unberechenbar und beängstigend. Das macht Freundschaften, Partnerschaften und spontane Begegnungen mit Fremden sehr schwierig.

Umwelteinflüsse und Umfeld

Inzwischen wissen wir, dass Asperger-Autisten Sinneseindrücke anders verarbeiten. Grelles Licht, etwa einer Kerze oder der Sonne, kann für sie ebenso unangenehm sein wie Geräusche oder Berührungen. Manche berichten zum Beispiel davon, dass der Kontakt mit Wasser schmerzt oder das leichte Berührungen unangenehmer sind als ganz feste Umarmungen.

Oft sehen sie die Umgebung auch anders. Statt auf das große Ganze konzentrieren sie sich auf viele kleine Details. Eine Wiese besteht aus Blumen, Käfern, Blättern und unendlich vielen Grashalmen. Das macht es schwer, den Überblick zu behalten.

Interessen

Menschen mit Asperger-Syndrom haben oft ganz spezielle Interessen. Sie können sich für ein Themengebiet sehr begeistern und kennen jedes noch so unwichtige Detail. Andere Bereiche interessieren sie dagegen kaum und langweilen sie schnell. Zudem können sie oft nicht verstehen, dass ihr Lieblingsthema für andere nicht so spannend ist. Die Spezialinteressen können dabei sehr vielfältig sein, von Astrologie und Technik über Architektur bis hin zu Malen und Tieren.

Sicherheit

Beständigkeit ist ein wichtiger Faktor beim Asperger-Syndrom. Meist fühlen sich die Betroffenen nur wohl, wenn sie ganz genau wissen, was sie erwartet. Schon eine kleine Änderung im Tagesablauf kann sie durcheinanderbringen. Manche planen sogar Wochen im Voraus, tragen immer die gleichen Sachen und können mit Unpünktlichkeit nicht umgehen.

Asperger betrifft vor allem das Gehirn

Die Ursache für Autismus und auch das Asperger-Syndrom ist noch nicht endgültig geklärt. Forscher vermuten allerdings, dass sich das Gehirn bei den Betroffenen von Anfang an anders entwickelt. Das soll unter anderem zu besonderen Hirnströmungen führen. Der Auslöser dafür könnte zum Beispiel eine Kombination aus verschiedenen Genen sein. Da Kinder von Eltern mit Asperger häufig ebenfalls betroffen sind, scheint das Syndrom vererbbar.

Gleichzeitig werden Autismus-Spektrum-Störungen von Erkrankungen der Mutter während der Schwangerschaft begünstigt. Auch ein höheres Alter beider Elternteile scheint Asperger zu beeinflussen. Da die Auswirkungen aber von Person zu Person unterschiedlich sind, ist es schwer zu sagen, woher das Syndrom genau kommt. Zudem wird es nicht immer diagnostiziert: Viele Betroffene leben damit, ohne dass sie es wissen.

Nicht jeder mit Asperger braucht eine Diagnose

Die vielen unterschiedlichen Ausprägungen machen die Diagnose bei Asperger schwer. Oft ist es aber auch gar nicht nötig, dass ein Arzt bestätigt, was die Betroffenen sowieso schon wissen: Sie sind anders. So wie jeder Mensch seine individuellen Schwächen mitbringt, müssen auch sie lernen, damit umzugehen. Eine Behandlung ist dafür gar nicht immer nötig.

Brauchen Menschen mit Asperger dagegen Unterstützung, etwa in der Schule oder im Berufsleben, sollten sie mit einem Arzt sprechen. Nach einer Diagnose können Sie die Hilfe beantragen, die sie für die Bewältigung des Alltags brauchen. Danach sind auch Verhaltenstherapien oder bestimmte Übung zur Stärkung der sozialen Interaktion möglich. Einigen Betroffenen oder ihren Verwandten kann eine Diagnose zudem helfen, die Symptome zu akzeptieren und einen Weg zu finden, damit zu leben.