Das Asperger-Syndrom: veralteter Begriff für eine Ausprägung im Autismus-Spektrum

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Bauklötze bilden einen Turm in einem Spielzimmer. Im Hintergrund sitzt ein Kind im Schneidersitz und schaut nach links. Autismus zeigt sich auch in kleinen Besonderheiten. | © New Africa - stock.aobe.com

„Du kannst mir nicht das Wasser reichen“

„Er hat sich grün und blau geärgert“

„Da ist jemand aber ganz schief gewickelt“

 

Solche Redewendungen können für Menschen im Autismus-Spektrum zur Herausforderung werden. Denn einige Betroffene nehmen Sprache sehr wörtlich und interpretieren Ironie oder Metaphern anders als neurotypische Menschen. Lange Zeit bezeichnete man diese Herausforderungen in der Kommunikation und sozialen Interaktion sowie einen Hang zu ritualisierten Abläufen als Asperger-Syndrom oder Asperger-Autismus.

 

Asperger – ein veralteter Begriff

Früher sprach man vom Asperger-Syndrom. Benannt nach dem Arzt Hans Asperger, der als einer der ersten die Charakteristika des Syndroms beschrieb. Einige Betroffene identifizieren sich noch heute mit dem Begriff, andere distanzieren sich allerdings davon. Grund dafür ist auch sein Mitwirken bei der Einordnung von psychisch Erkrankten in „Brauchbarkeitsstufen“ während des Nationalsozialismus. Heute gilt Asperger-Autismus als Teil der sogenannten Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Die Diagnose ‚Asperger-Syndrom‘ wird in aktuellen Klassifikationen wie DSM-5 und ICD-11 nicht mehr verwendet.

Jeder Mensch im Autismus-Spektrum ist anders

Autismus ist keine Krankheit, sondern eine neurologische Entwicklungsbesonderheit. Die Ausprägungen sind individuell verschieden – manche Menschen benötigen kaum Unterstützung, andere mehr. So gibt es beispielsweise Betroffene, die nicht sprechen können oder Probleme mit der Alltagsorganisation haben und andere, die erst spät oder gar nicht diagnostiziert werden. Aktuelle Leitlinien unterscheiden keine festen Untertypen mehr, sondern beschreiben Schweregrade in sozialer Interaktion, Kommunikation und Verhaltensmustern (AWMF-Leitlinie).

Auch der Begriff Asperger bezeichnete keinen Untertyp, sondern eher eine Wesensart. Im Wesentlichen ging es dabei um die soziale Interaktion und Kommunikation, um die Verarbeitung von Wahrnehmungen und um den Wunsch nach Beständigkeit. Dabei waren die einzelnen Bereiche mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. So konnte es sein, dass ein Kind mit Asperger nicht gerne umarmt wird und großen Wert auf Pünktlichkeit legt, gleichzeitig aber sehr schön mit seinen Geschwistern spielen kann. Es mussten also nicht immer alle Merkmale des Asperger-Syndroms zutreffen, um davon betroffen zu sein.

Wie viele Menschen mit Autismus gibt es?

Schätzungen der WHO zufolge liegt die weltweite Prävalenz von Autismus bei etwa 1 %. Die Ausprägung kann sehr unterschiedlich sein – von leichteren Formen bis hin zu starken Ausprägungen, die viel Unterstützung im Alltag benötigen. Eine offene gesellschaftliche Haltung trägt entscheidend dazu bei, Barrieren abzubauen.

Die Merkmale des Asperger-Syndroms: Auch heute noch wichtige Bereiche der Autismus-Spektrum-Störungen

Menschen im Autismus-Spektrum können vor vielen Herausforderungen stehen. Selbst wenn die Ausprägung in einem Bereich eher gering ist, fällt es dennoch schwer, sich in die neurotypische Gesellschaft einzufügen. Möglicherweise betroffen sind:

Kommunikation

Autistische Menschen haben sehr unterschiedliche sprachliche Fähigkeiten. Manche verfügen über einen großen Wortschatz und sprechen grammatikalisch korrekt, dennoch entstehen Herausforderungen in der sozialen Kommunikation – etwa beim Erkennen von Ironie, Zwischentönen oder Mimik. Das bedeutet nicht fehlende Empathie, sondern eine andere Form der Informationsverarbeitung.

Beziehungen und Interaktion

Viele autistische Menschen nehmen soziale Situationen anders wahr. Mimik oder Gestik anderer können schwer einzuordnen sein. Freundschaften oder Partnerschaften sind dadurch unter Umständen schwieriger, aber natürlich dennoch möglich.

Umwelteinflüsse und Umfeld

Licht, Geräusche oder Berührungen können für Autisten und Autistinnen überwältigend wirken. Sie erleben ihre Umgebung intensiver. Fachleute sprechen von sensorischer Überempfindlichkeit – einer typischen, aber individuell unterschiedlichen Besonderheit.

Spezialinteressen

Viele Menschen im Autismus-Spektrum haben ausgeprägte Spezialinteressen. Sie vertiefen sich intensiv in bestimmte Themenbereiche und erwerben dort fundiertes Wissen. Diese Interessen können beruflich oder kreativ sehr wertvoll sein.

Sicherheit und Beständigkeit

Routinen geben Menschen mit Autismus Sicherheit im Alltag. Oft bevorzugen sie deshalb klare Abläufe und Strukturen und halten sich akribisch daran. Veränderungen können Stress auslösen, manchmal ist deshalb eine passende Unterstützung zur Bewältigung nötig.

Weitere Merkmale der Autismus-Spektrum-Störungen

Neben den Bereichen Kommunikation, soziale Interaktion, Wahrnehmung und Routinen, die mit Asperger-Autismus in Verbindung gebracht wurden, gibt es noch weitere Merkmale, die im Zusammenhang mit einer Autismus-Spektrum-Störung häufig auftreten. Dabei gilt: Nicht jede autistische Person zeigt alle dieser Besonderheiten. Sie können sich individuell sehr unterschiedlich ausprägen.

Viele Betroffene berichten von Herausforderungen in der emotionalen Regulation. Situationen mit starkem Stress oder Reizüberflutung können zu Überforderung führen, die sich als sogenannter Meltdown (starker emotionaler Ausbruch) oder Shutdown (Rückzug, Überlastung) äußert.

Auch die exekutiven Funktionen – also Planen, Organisieren und flexibles Handeln – sind bei manchen autistischen Menschen anders ausgeprägt. Veränderungen oder unerwartete Ereignisse können sie daher besonders fordern.

Eine weitere Rolle spielt die Körper- und Sinneswahrnehmung. Viele erleben ihre Umgebung intensiver – etwa Licht, Geräusche oder Berührungen – und reagieren empfindlicher auf Reize. Manche suchen dagegen gezielt sensorische Erfahrungen, etwa durch rhythmische Bewegungen oder das sogenannte Stimming.

Das Autismus-Spektrum betrifft vor allem das Gehirn

Die genauen Ursachen einer Autismus-Spektrum-Störung sind noch nicht vollständig geklärt. Aktuell gehen Forschende von einer Kombination genetischer, neurobiologischer und umweltbedingter Faktoren aus. Autismus entsteht in der frühen Gehirnentwicklung und ist angeboren – keine Folge von Erziehung oder sozialem Umfeld.

Auch die Einordnung als Neurodiversität, zusammen mit ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie, Dyspraxis und Hochbegabung, verändert die Wahrnehmung. Autismus wird heute nicht mehr primär als Defizit, sondern als Variante menschlicher Wahrnehmung verstanden. Diese Sichtweise stärkt das Selbstbild vieler Betroffener und fördert gesellschaftliche Akzeptanz.

Autismus Diagnose: Ablauf und Nutzen

Die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung erfolgt heute nach einem mehrstufigen Verfahren: Anamnese, Verhaltensbeobachtung und standardisierte Tests wie ADOS-2 oder ADI-R schaffen ein ganzheitliches Bild aller Bereiche. Auch komorbide (ergänzende) Störungen wie ADHS oder Angst werden berücksichtigt (DGPPN).

Viele Betroffene sind erleichtert nach der Diagnosestellung. Sie können sich ihre Schwierigkeiten im Alltag jetzt besser erklären. Zusätzlich haben sie Anspruch auf Unterstützung, wie soziales Kompetenztraining oder Nachteilausgleich. Schon kleine Dinge können den Alltag erleichtern, etwa Verständnis von Mitmenschen oder Noisecancelling-Kopfhörer in lauter Umgebung. Zudem kann die Diagnose auch das weitere Leben beeinflussen, etwa bei der Berufswahl oder durch eine neue Selbstwahrnehmung.

Autismus bei Frauen und Mädchen

Autismus-Diagnosen bei Frauen und Mädchen sind seltener. Fachleute gehen allerdings davon aus, dass diese ebenso häufig betroffen sind. Oft äußerst sich dieser aber anders, obwohl die gleichen Bereiche betroffen sind. Spezialinteressen sind zum Beispiel oft unauffälliger.

„(…) weil Autistinnen sich oft intensiv mit Sprache, Kommunikation und verwandten Themen beschäftigen, werden die „Auffälligkeiten“ in Sprache und Kommunikation im Laufe des Lebens oft immer unauffälliger, sodass sie nicht immer auf den ersten Blick ins Auge fallen.“, so Ismene Ditrich, Psychiaterin mit Schwerpunkt Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter.

Eine große Rolle spielt dabei auch das „Masking“. Gerade autistische Mädchen und Frauen lernen schon sehr früh, sich bewusst an soziale Normen anzupassen. Das kann langfristig zu Erschöpfung oder Burnout führen.

Hilfsangebote für Autismus

Hilfreiche Anlaufstellen sind unter anderem

Quellen

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