Patientenspezifische Implantate (PSI): Subperiostale Implantate sind oft die Lösung bei Knochenschwund
Wenn sich der Kieferknochen stark zurückgebildet hat, hören viele Betroffene den Satz: „Für Implantate haben Sie zu wenig Knochen.“ Klassische Lösungen wie Knochenaufbau oder aufwendige Operationen schrecken oft ab und sind nicht für alle geeignet.
Moderne patientenspezifische Implantate (PSI), auch subperiostale Implantate genannt, bieten hier eine Alternative: fester Zahnersatz ohne Knochenaufbau, in vielen Fällen mit nur einem Eingriff.
Dr. Dr. Johannes Scholz und PD Dr. Dr. Matthias Zirk aus der MKG Köln West sind spezialisiert auf diese Methode und kennen ihre Möglichkeiten und Grenzen.
Was ist der Unterschied von patientenspezifischen Implantaten zu herkömmlichen Implantaten?
Bei herkömmlichen Zahnimplantaten werden Schrauben direkt in den Kieferknochen gesetzt. Dafür braucht es ausreichend stabilen Knochen. Subperiostale, patientenspezifische Implantate funktionieren anders:
- Das Implantat ist ein individuell gefertigtes Gerüst aus Titan, dass exakt an den vorhandenen Knochen angepasst wird und häufig fern des Kieferkamms verschraubt wird.
- Es wird auf den Knochen aufgelegt und mit kleinen Schrauben befestigt, nicht in den Kieferkamm geschraubt.
- Auf den herausstehenden Aufbaupfeilern wird später der festsitzende Zahnersatz verschraubt, wie bei herkömmlichen Implantaten.
Das Implantat wird also maßgeschneidert für den jeweiligen Kiefer auf Basis genauer 3D-Daten. Dadurch kann auch ein stark abgebauter Kiefer so genutzt werden, wie er ist – ohne langwierigen Knochenaufbau am Kieferkamm.
- Subperiostal: Synonym für „unter dem Periost“ – das Periost ist die Knochenhaut. Das Implantat liegt direkt auf dem Knochen unter dieser Hülle.
- Patientenspezifisch (PSI): Jedes Implantat ist ein Unikat und wird individuell anhand der Patientendaten maßgeschneidert angefertigt.
Für wen kommen patientenspezifische Implantate (PSI) infrage?
Diese Technik richtet sich vor allem an Menschen, bei denen klassische Implantate an Grenzen stoßen, zum Beispiel:
- starker Kieferknochenabbau nach langjährigem Zahnverlust
- Folgen schwerer Parodontitis
- Folgen schwerer Kieferhöhlenerkrankungen
- schlechtsitzende Vollprothesen, die ständig wackeln oder Druckstellen verursachen
- größere Defekte nach Tumoroperationen oder Unfällen
- angeborene Fehlbildungen (z. B. Lippen-Kiefer-Gaumenspalten)
- wenn andere Implantat-Konzepte (z. B. Knochenaufbau, Sinuslift, Zygoma-Implantate) medizinisch ungünstig sind oder von Fachkollegen bereits abgelehnt wurden
Ob PSI sinnvoll sind, entscheidet immer eine spezialisierte Praxis oder Klinik nach ausführlicher Untersuchung.
Wie läuft die PSI Behandlung ab?
Die PSI Behandlung ist technisch hochpräzise und exakt geplant. Für Patienten und Patientinnen sind die einzelnen Schritte dennoch leicht verständlich. Zudem sind im Vergleich ausgedehnten Kochenaufbaumaßnahmen deutlich weniger Termine nötig. Aufwendige Knochenaufbauten entfallen und es ist in der Regel nur eine OP nötig.
1. Umfassende 3D-Diagnostik
Im ersten Schritt wird Ihr Kiefer genau vermessen. Dafür benötigt der Zahnarzt oder die Zahnärztin 3D-Röntgen- oder CT-Bilder. Zusätzlich wird ein digitaler Abdruck mithilfe des Intraoralscanners erstellt. Dabei werden auch eventuell schon vorhandene Prothesen berücksichtigt.
So entsteht ein exaktes 3D-Modell des Kiefers. Anhand diesem können spezialisierte MKG-Chirurgen und MKG-Chirurginnen die individuellen patientenspezifischen Implantate planen.
2. Digitale Planung (CAD/CAM)
Zunächst entsteht ein Modell am Computer. Hierfür wird die Form des Titangerüsts, die Positionen der Schrauben und des Implantatpfeilers sowie der spätere sichtbare Teil des Zahnersatzes festgelegt.
Durch die individuelle Planung für jeden Patienten und jede Patientin können auch persönliche Wünsche zur Optik miteinfließen. Ziel ist nicht nur ein ästhetisch ansprechender und nicht mehr zu unterscheidender Zahnersatz, sondern auch eine stabile Lastverteilung und möglichst wenig Spannung im Weichgewebe nach der Heilung. Zudem spielen auch die Pflege und Reinigung des Implantats eine Rolle. Patienten bzw. Patientinnen sollen diese langfristig gut und selbstständig umsetzen können.
3. Herstellung des Implantats
Das Implantat wird mittels CAD/CAM-Technik und Anwendung präziser Laser- und Frästechnik hergestellt. Die Passform ist so sehr präzise und kann genau auf die Kiefersituation angepasst werden. Das sorgt für glatte Übergänge sowie individuell platzierte Pfeiler.
4. Eingriff
Jetzt kann das Implantat eingesetzt werden. Der Eingriff erfolgt in der Regel in Vollnarkose. Dabei wird das Zahnfleisch angehoben und der Knochen freigelegt. Sitzt das Implantat an der richtigen Stelle, kann es mit kleinen Schrauben befestigt werden. Bohrschablonen unterstützen den oder die MKG-Chirurgen und MKF-Chirurginnen bei der exakten Positionierung. Häufig ist zusätzlich Weichgewebe-Management nötig, um Druckstellen und spätere Freilegungen zu vermeiden. Die Pfeiler ragen durch kleine Öffnungen in der Schleimhaut in die Mundhöhle.
5. Fester Zahnersatz – oft sehr schnell
Der sichtbare Teil des Zahnersatzes (die definitive Suprakonstruktion) kann erst eingesetzt werden, wenn das Gerüst gut verheilt und eingewachsen ist. Dafür sind einige Wochen nötig. Allerdings wird in den meisten Fällen im Anschluss an den Eingriff bereits eine provisorische festsitzende Brücke befestigt. Dieses Provisorium bietet auch schon vorab einen guten Halt und schließt die Lücke vollständig. So erhalten Patienten und Patientinnen häufig innerhalbkürzester Zeit feste Zähne statt der herausnehmbaren Prothese.
Welche Vorteile bieten PSI/ subperiostale Implantate?
Patientenspezifische Implantate wurden für Patienten und Patientinnen entwickelt, bei denen Zahnimplantate bisher gar nicht oder nur schwer möglich waren. Sie bieten allerdings nicht nur festen Zahnersatz ohne Knochenaufbau, sondern auch eine individuelle Lösung, die ganz auf den Patienten oder die Patientin angepasst werden kann. Damit bringen Sie einige Vorteile mit:
-
Kein Knochenaufbau notwendig
Auch bei starkem Knochenschwund kann fester Zahnersatz möglich werden, ohne mehrstufige Knochenaufbau-Operationen.
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Kürzere Behandlungsdauer
Statt mehrerer Eingriffe über viele Monate, erfolgt häufig ein einziger Eingriff mit schneller Versorgung.
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Fester Zahnersatz bei „aussichtslosen“ Fällen
PSI schließen Versorgungslücken für Menschen, die früher oft auf herausnehmbare Prothesen beschränkt waren.
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Digitale Präzision
Die enge Anpassung an die individuelle Anatomie reduziert Druckstellen und verbessert die Belastungsverteilung.
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Hohe Stabilität
Das Gerüst verankert sich an mehreren tragfähigen Knochenarealen (z. B. Jochbeinregion, Kieferbasis) und kann Kaubelastungen gut aufnehmen.
Welche Risiken und Nachteile müssen realistisch angesprochen werden?
So vielversprechend das Konzept ist, die Behandlung mit PSI bleibt ein anspruchsvoller Eingriff, der Erfahrung und sorgfältige Planung voraussetzt. Der oder die MKG-Chirurg:in sollte deshalb unbedingt auch die Nachteile und Risiken besprechen, die für ein patientenspezifisches Implantat nötig sind.
Mögliche Nachteile und Risiken:
- Weichgewebsprobleme: Die häufigste Komplikation sind partielle Freilegungen (Expositionen) des Gerüsts oder Entzündungen der Schleimhaut rund um die Pfeiler. Diese lassen sich oft behandeln, müssen aber ernst genommen werden.
- Aufwendige Operation: Die OP ist komplexer als das Setzen einzelner Standardimplantate und ist daher nur in spezialisierten Zentren sinnvoll.
- Noch begrenzte Langzeitdaten: Moderne additiv gefertigte subperiostale Implantate zeigen in aktuellen Studien hohe Überlebensraten (teils >95 %) im Kurz- bis Mittelfristverlauf, aber Beobachtungszeiträume über 10+ Jahre sind noch begrenzt.
- Keine „Standardlösung“: PSI sind keine Massenware, sondern Hightech-Einzelfertigungen – das kann kostenintensiver sein als klassische Versorgungen.
- Erfahrenes Team notwendig: Planung, Chirurgie und prothetische Versorgung müssen eng verzahnt sein. Unerfahrene Anwendung erhöht das Risiko für Komplikationen.
Trotzdem zeigen aktuelle Daten und Fallserien, dass PSI richtig eingesetzt eine stabile und patientenfreundliche Option sein können, besonders wenn andere Wege ausgeschöpft sind oder nicht infrage kommen.
Häufige Fragen (FAQ) zu patientenspezifischen Implantaten
Können PSI wirklich ohne Knochenaufbau eingesetzt werden?
Ja. Das ist einer der Hauptvorteile.
Das Implantat nutzt den vorhandenen Knochen, indem es sich flächig darauf abstützt und mit Schrauben fixiert wird. Ein aufwendiger Knochenaufbau ist in vielen Fällen nicht nötig. Ob die Technik bei Ihnen möglich ist, wird im Rahmen der 3D-Planung individuell geprüft.
Wie lange hält ein solches Implantat?
Titan ist ein sehr beständiges, körperverträgliches Material.
Aktuelle Studien zu modern hergestellten subperiostalen Implantaten berichten sehr hohe Überlebensraten im Beobachtungszeitraum von mehreren Jahren. Langzeitdaten über Jahrzehnte sind noch im Aufbau, die bisherigen Ergebnisse sind jedoch ermutigend.
Wichtig für die Haltbarkeit:
- gute Mundhygiene
- regelmäßige professionelle Kontrollen und Reinigung
- Nichtrauchen bzw. Reduktion von Risikofaktoren
Ist die Behandlung schmerzhaft?
Der Eingriff erfolgt in der Regel unter Vollnarkose.
Nach der OP sind Schwellungen, Spannungsgefühle und leichte Schmerzen möglich, diese lassen sich allerdings mit Schmerzmitteln gut kontrollieren. Im Vergleich zu mehrstufigen Knochenaufbau-Konzepten können Patienten und Patientinnen sich auch gut auf die Heilungsphase vorbereiten. Viele planen den Eingriff etwa bewusst vor einer Urlaubszeit oder legen ihn entsprechend ihrer geschäftlichen oder privaten Termine.
Was ist, wenn sich etwas entzündet oder das Metall sichtbar wird?
Kleine Freilegungen oder Entzündungen des Gewebes um die Pfeiler können vorkommen. Diese werden jedoch frühzeitig bei Nachkontrollen, etwa dem jährlichen Zahnarztbesuch, erkannt. Zudem reichen häufig schon kleinere Maßnahmen für eine Behandlung aus, zum Beispiel intensive Reinigung oder Desinfektion der Oberfläche. Bei Bedarf können sie auch chirurgisch mit einem minimalinvasiven Eingriff korrigiert werden.
Ein kompletter Verlust des Implantats ist laut bisherigen Daten eher selten, aber möglich – wie bei jeder Implantatversorgung.
Sind PSI für alle geeignet, die wenig Knochen haben?
Nein. Kontraindikationen können sein:
- stark eingeschränkte Allgemeingesundheit
- unkontrollierter Diabetes
- schwere Rauchgewohnheit
- mangelnde Bereitschaft zu Hygiene und Nachsorge
- bestimmte anatomische Besonderheiten
Ob PSI in Frage kommen, entscheidet eine spezialisierte Fachpraxis nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung.