Hitzeschutz in der Arztpraxis: Wie Sie gefährdete Patienten bei Hitze besser schützen

Person sitzt auf einer Couch vor dem geöffneten Kühlschrank. In der Hand hält sie einen fruchtigen Drink. Im Hintergrund ein Ventilator.
Auch im Praxisalltag können Sie einiges tun, damit Patienten und Patientinnen mit heißen Tagen und Hitzewellen besser zurecht kommen. | © StockPhotoPro - stock.adobe.com

Sommer, Sonne und extreme Hitze: Was die einen im Urlaub genießen, belastet die anderen im Alltag. Hitzewellen und sehr heiße Tage nehmen zu. Das kann die Gesundheit Ihrer Patienten und Patientinnen stark belasten.

An heißen Tagen können sich bestehende Erkrankungen verschlechtern, Arzneimittel anders wirken und vulnerable Patienten und Patientinnen schneller dehydrieren oder überhitzen. Besonders wichtig ist deshalb ein gezielter Hitzeschutz in der Arztpraxis – nicht nur durch organisatorische Maßnahmen, sondern vor allem durch frühzeitige Beratung, angepasste Behandlung und eine erhöhte Aufmerksamkeit für Risikopatienten und -patientinnen.

Gerade niedergelassene Ärzte, Ärztinnen und Praxisteams spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie kennen chronisch kranke, ältere oder mehrfach medikamentös behandelte Patienten und Patientinnen oft über Jahre hinweg und können Risiken frühzeitig einschätzen. Hitzeschutz beginnt deshalb idealerweise nicht erst während der Hitzewelle, sondern bereits im Frühjahr oder Frühsommer.

Warum Hitze für Patienten gefährlich werden kann

Der Körper reguliert seine Temperatur vor allem über Schwitzen und eine stärkere Durchblutung der Haut. Bei großer Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit, Flüssigkeitsmangel oder körperlicher Belastung kann diese Regulation an Grenzen stoßen. Dann drohen Kreislaufprobleme, Dehydratation, Elektrolytverschiebungen, Hitzeerschöpfung oder im schlimmsten Fall ein Hitzschlag.

Für viele Patienten und Patientinnen ist Hitze nicht nur unangenehm, sondern medizinisch relevant. Bestehende Herz-Kreislauf-, Nieren-, Atemwegs- oder Stoffwechselerkrankungen können sich verschlechtern. Hinzu kommt: Manche Medikamente beeinflussen den Flüssigkeitshaushalt, die Schweißproduktion, das Durstgefühl, die Aufmerksamkeit oder die Nierenfunktion. Dadurch kann Hitze die Wirkung und Verträglichkeit einer bestehenden Therapie verändern.

Welche Patienten bei Hitze besonders gefährdet sind

Ein wichtiger erster Schritt ist die systematische Identifikation vulnerabler Patienten und Patientinnen. Besonders gefährdet sind unter anderem:

  • ältere und hochaltrige Menschen, insbesondere alleinlebende Patienten und Patientinnen
  • Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Patienten und Patientinnen mit Niereninsuffizienz oder eingeschränkter Flüssigkeitsregulation
  • Menschen mit Diabetes mellitus
  • Patienten und Patientinnen mit chronischen Atemwegserkrankungen
  • Menschen mit neurologischen Erkrankungen, Demenz oder kognitiven Einschränkungen
  • Patienten und Patientinnen mit psychischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen
  • Pflegebedürftige und immobilisierte Menschen
  • Schwangere und Stillende
  • Säuglinge und kleine Kinder
  • Menschen mit Adipositas
  • Patienten und Patientinnen mit Polypharmazie
  • Personen, die körperlich schwer arbeiten oder sich bei Hitze intensiv sportlich belasten

Für diese Gruppen sollte Hitzeschutz aktiv angesprochen werden – nicht erst, wenn Beschwerden auftreten. Gerade bei Routinekontakten, Rezeptverlängerungen, Chronikerprogrammen oder Vorsorgeuntersuchungen lässt sich das Thema gut integrieren.

Risikopatienten vor dem Sommer gezielt ansprechen

Praxen können bereits vor der ersten Hitzewelle prüfen, welche Patienten und Patientinnen besonders gefährdet sind. Hilfreich ist zum Beispiel ein Vermerk in der Praxissoftware oder eine interne Liste für Patienten und Patientinnen mit erhöhtem Risiko. Dabei geht es nicht um zusätzliche Bürokratie, sondern um eine bessere Vorbereitung: Wer gefährdete Personen kennt, kann sie gezielter beraten und bei Bedarf engmaschiger betreuen. In der Beratung sollten Patienten und Patientinnen erfahren,

  • warum Hitze für ihre Erkrankung relevant ist,
  • welche Warnzeichen sie ernst nehmen sollten,
  • wie viel und was sie trinken sollten, sofern medizinisch nichts dagegen spricht,
  • wann sie ärztlichen Rat einholen sollten,
  • ob Medikamente bei Hitze besondere Aufmerksamkeit erfordern,
  • wie sie Arzneimittel richtig lagern,
  • wer sie während einer Hitzewelle regelmäßig kontaktieren kann.

Besonders bei alleinlebenden oder pflegebedürftigen Patienten und Patientinnen ist ein Kontaktnetz wichtig. Angehörige, Nachbarn oder Nachbarinnen, ambulante Pflegedienste oder ehrenamtliche Hilfsangebote können helfen, Veränderungen frühzeitig zu bemerken. Praxen können hier sensibilisieren und Patienten und Patientinnen motivieren, vor dem Sommer konkrete Absprachen zu treffen.

 

Maßnahmen zum Hitzeschutz für Patienten

Medikationscheck bei Hitze: Welche Arzneimittel relevant sein können

Ein zentraler Bestandteil des Hitzeschutzes ist der Medikationscheck. Gerade vor und während Hitzeperioden kann es sinnvoll sein, Dauermedikationen und neu verschriebene Medikamente ärztlich zu prüfen – besonders bei älteren Menschen, chronisch Erkrankten und Patienten und Patientinnen mit mehreren Arzneimitteln.

Hitze kann über verschiedene Mechanismen relevant werden: Flüssigkeitsmangel kann die Nierenfunktion beeinflussen, Elektrolytstörungen können Nebenwirkungen verstärken, und eine veränderte Durchblutung kann die Wirkstoffaufnahme verändern. Außerdem gibt es Arzneimittel, die Durstgefühl, Schwitzen, Aufmerksamkeit oder Kreislaufregulation beeinträchtigen können.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen unter anderem folgende Arzneimittelgruppen:

Arzneimittelgruppe mögliche Relevanz bei Hitze was Praxen prüfen können
Diuretika können Flüssigkeits- und Elektrolytverluste verstärken Trinkmenge, Blutdruck, Gewicht, Elektrolyte, Nierenfunktion
Blutdrucksenker können bei Flüssigkeitsmangel Hypotonie, Schwindel oder Sturzrisiko begünstigen Blutdruckwerte, Symptome, Kreislaufsituation
ACE-Hemmer und Sartane bei Dehydratation kann die Nierenfunktion relevant werden Nierenwerte, Flüssigkeitsstatus, Begleitmedikation
Betablocker können die Kreislaufanpassung beeinflussen Belastbarkeit, Puls, Blutdruck, Beschwerden
Anticholinergika können Schwitzen und Temperaturregulation beeinträchtigen Alternativen, Nebenwirkungen, Hitzesymptome
Antipsychotika und manche Antidepressiva können Thermoregulation, Schwitzen, Aufmerksamkeit oder Kreislauf beeinflussen Vigilanz, Flüssigkeitsaufnahme, Nebenwirkungen
Sedativa, Schlafmittel, Opioide können Warnzeichen verschleiern und Sturzrisiko erhöhen Tagesmüdigkeit, Verwirrtheit, Stürze
NSAR können bei Dehydratation die Nierenfunktion zusätzlich belasten Einnahmedauer, Nierenfunktion, Alternativen
Lithium, Digoxin und andere Wirkstoffe mit enger therapeutischer Breite Risiko für Wirkspiegelveränderungen bei Flüssigkeitsmangel Spiegelkontrollen, Symptome, Nierenfunktion
Insulin und andere temperaturempfindliche Arzneimittel Lagerung und veränderte Ess-/Trinkgewohnheiten können relevant sein Lagerung, Blutzuckerwerte, Hypoglykämierisiko

Wichtig ist eine individuelle Abwägung. Nicht jedes Arzneimittel muss bei Hitze verändert werden. Entscheidend sind Grunderkrankung, Alter, Nierenfunktion, Trinkmenge, Blutdruck, Begleitmedikation und die konkrete Hitzebelastung.

Arzneimittel bei Hitze richtig lagern: Beratung nicht vergessen

Neben der Wirkung im Körper spielt auch die Lagerung eine wichtige Rolle. Viele Arzneimittel sollen bei Raumtemperatur gelagert werden, häufig im Bereich von 15 bis 25 Grad Celsius. An heißen Tagen kann es deshalb plötzlich wichtig werden, wo Medikamente zuhause abgelegt werden. Problematisch sind vor allem Orte mit starker Wärmeentwicklung, etwa Autos, Fensterbänke, Badezimmer oder Taschen in direkter Sonne.

Ein kurzer Hinweis reicht oft aus, um Fehler zu vermeiden:

„Bitte lagern Sie Ihre Medikamente im Sommer nicht im Auto, nicht auf der Fensterbank und nicht im Badezimmer. Prüfen Sie bei kühlpflichtigen Arzneimitteln die Packungsangaben oder fragen Sie in der Apotheke nach.“

Manche Patienten und Patientinnen machen sich zudem Sorgen, ob sie die Medikamente bei Hitze sicher von der Apotheke nach Hause bringen können. Hier kann eine zusätzliche Beratung, insbesondere bei Wirkstoffen, die im Kühlschrank aufbewahrt werden sollen, sinnvoll sein.

Hitzeaktionsplan für heiße Tage

Ist die Hitze einmal da, greift der Hitzeaktionsplan. Er enthält sowohl Maßnahmen für Mitarbeiter:innen als auch für Patienten und Patientinnen. Diese sollten bereits zu Beginn des Sommers festgelegt und klar kommuniziert werden. So sind die Abläufe für Temperatur-Grenzen und Warnstufen bekannt und können schnell umgesetzt werden.

Wichtige Maßnahmen, um Patienten und Patientinnen bei Hitze zu schützen
  • Hitzewarnungen im Blick behalten
  • Raumtemperatur kontrollieren
  • Getränke anbieten
  • Sprechzeiten gegebenenfalls anpassen
  • anstrengende Diagnosen oder therapeutische Maßnahmen an Hitzetagen vermeiden (z. B. Belastungs-EKG)
  • nicht dringende Termine verschieben (besonders bei Risikopatienten und -Patientinnen)
  • auf Anzeichen von Dehydration und erhöhter Körpertemperatur achten

Der Deutsche Wetterdienst bietet ein Warnsystem für besonders heiße Tage per App oder E-Mail an. So können Sie die Temperaturen im Sommer im Blick behalten und gegebenenfalls frühzeitig reagieren. Einige Maßnahmen lassen sich auch einfach über den gesamten Sommer hinweg umsetzen.

Dazu gehören etwa Sprechzeiten in den frühen Morgen oder späteren Abend zu verschieben. Bei der Terminvergabe können Sie zudem darauf achten, Risikopatienten und -patientinnen überwiegend zu kühleren Tageszeiten einzubestellen. Bauliche Maßnahmen wie Rollos an den Fenstern, Markisen oder Hitzeschutzfolien, aber auch Ventilatoren und Querlüften nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang helfen dabei, die Raumtemperatur zu regulieren. Mithilfe eines Thermometers und eines Hydrometers behalten Sie außerdem Luftfeuchtigkeit und Temperatur in der Praxis im Blick. So können Sie frühzeitig auf zu hohe Belastungen reagieren.

An besonders heißen Tagen, sollten Sie zudem die Praxisabläufe anpassen. So können nicht dringende Termine sowie anstrengende Diagnosen und Behandlungen verschoben werden. Das schafft Platz im Terminkalender für eventuelle Notfälle durch Hitzebeeinträchtigungen und verringert die Wartezeit. Schon bei der Anmeldung ist es zudem ratsam, auf eine mögliche Gefährdung zu achten und entsprechend zu reagieren. Bei Anzeichen von Dehydration oder erhöhter Körpertemperatur sollten Patienten und Patientinnen möglichst schnell behandelt werden. Es kann auch helfen, ausreichend Getränke anzubieten.

Warnzeichen: Wann Hitze medizinisch relevant wird

Während einer Hitzewelle sollte Ihr Praxisteam besonders wachsam sein, wenn gefährdete Patienten und Patientinnen in die Praxis kommen oder telefonisch Kontakt aufnehmen. Schon bei der Anmeldung oder am Telefon können gezielte Fragen helfen:

  • Haben Sie Schwindel, Schwäche oder Verwirrtheit bemerkt?
  • Trinken Sie weniger als sonst?
  • Haben Sie Durchfall, Erbrechen oder Fieber?
  • Hat sich Ihr Blutdruck deutlich verändert?
  • Haben Sie neue Medikamente begonnen?
  • Haben Sie Ihre Medikamente wie gewohnt eingenommen?
  • Waren Sie längere Zeit in der Sonne oder in aufgeheizten Räumen?

Zudem sollten Sie hitzebedingte Beschwerden frühzeitig erkennen. Dazu gehören etwa:

  • starker Durst oder sehr geringe Urinmenge
  • trockene Schleimhäute
  • Schwindel oder Kreislaufprobleme
  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit oder Erbrechen
  • ungewöhnliche Schwäche
  • Muskelkrämpfe
  • Benommenheit
  • Verwirrtheit
  • auffällig warme oder gerötete Haut
  • schneller Puls
  • erhöhte Körpertemperatur
  • Bewusstseinsstörungen

Besonders ernst zu nehmen sind Verwirrtheit, Bewusstseinseintrübung, anhaltendes Erbrechen, hohe Körpertemperatur, schwere Kreislaufprobleme oder neurologische Auffälligkeiten. In solchen Fällen kann ein medizinischer Notfall vorliegen.

Eine einfache interne Orientierung kann helfen:

Situation

Mögliche Reaktion

leichte Beschwerden ohne Risikofaktoren

Beratung, Flüssigkeitszufuhr, kühle Umgebung, Verlauf beobachten

Risikopatient:in mit Schwindel, Schwäche oder Exsikkosezeichen

zeitnahe ärztliche Abklärung

Verwirrtheit, Bewusstseinsstörung, hohe Körpertemperatur oder schwerer Kreislaufkollaps

Notfallversorgung einleiten

Regelmäßige Weiterbildung zum Thema Hitze

Viele der oben genannten Maßnahmen setzen voraus, dass Sie die Auswirkungen von Hitze auf Ihre Arbeit, Risikogruppen und gesundheitliche Beeinträchtigungen kennen. Hitze stellt ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. An heißen Tagen steigt die Zahl der Todesfälle sowie der Notfälle stark an. Sie sollten sich deshalb in jedem Fall informieren, welche Herausforderungen auf Ihr jeweiliges Fachgebiet zukommen und wie Sie Ihre Patienten und Patientinnen am besten schützen können. Aus-, Fort- und Weiterbildungen zum Thema Hitze sind deshalb ein wichtiger Bestandteil des Hitzeschutzes und sollten regelmäßig durchgeführt werden. Zusätzlich können Sie Hitzeschutzbündnisse nutzen, um sich mit Notfallmedizinern bzw. Notfallmedizinerinnen, Feuerwehrleuten und Polizisten bzw. Polizistinnen auszutauschen.

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