Point-of-Care-Ultraschall: Wenn das Bild ans Krankenbett kommt

Arzt führt Point-of-Care-Ultraschall mit einem Handheld-Ultraschallgerät am Patientenbett durch
Point-of-Care-Ultraschall ermöglicht eine fokussierte sonografische Untersuchung direkt am Patientenbett. | © GEHealthCare

Portable Ultraschallsysteme erweitern die körperliche Untersuchung um unmittelbar verfügbare bildgebende Informationen. Ihr klinischer Nutzen hängt jedoch wesentlich von Indikationsstellung, Untersucherkompetenz, technischer Qualität und einer strukturierten Einbindung in diagnostische Abläufe ab.

Vom Stethoskop zum Bild

Inspektion, Palpation, Perkussion und Auskultation bilden die klassischen Säulen der körperlichen Untersuchung. 2018 schlugen Jagat Narula, Y. Chandrashekhar und Eugene Braunwald in JAMA Cardiology vor, dieses Konzept um eine fünfte Komponente zu ergänzen: die „Insonation“, also den selektiven Einsatz von Ultraschall unmittelbar am Patientenbett.

Point-of-Care-Ultraschall, kurz POCUS, greift diesen Ansatz auf. Im Unterschied zu einer umfassenden organbezogenen Sonografie steht häufig eine klar umrissene klinische Fragestellung im Vordergrund. Die Untersuchung erfolgt unmittelbar am Behandlungsort und soll die körperliche Untersuchung ergänzen. Auch aktuelle europäische Empfehlungen für die Allgemeinmedizin betonen ausdrücklich, dass POCUS die klinische Untersuchung ergänzen, nicht aber ersetzen soll.

Die zunehmende Verfügbarkeit kompakter Systeme ermöglicht es, sonografische Fragestellungen auch außerhalb klassischer Ultraschallräume zu bearbeiten. Handheld-Systeme werden heute unter anderem in Innerer Medizin, Intensiv- und Notfallmedizin sowie in weiteren patientennahen Versorgungssituationen eingesetzt. Vergleichsstudien aktueller Geräte zeigen zugleich, dass sich die Systeme hinsichtlich Bildqualität, Bedienbarkeit und technischer Eigenschaften unterscheiden.

Vom stationären Gerät zur Hosentaschenlösung

Die Miniaturisierung der Ultraschalltechnik hat eine Geräteklasse hervorgebracht, bei der kompakte Sonden mit mobilen Anzeigeeinheiten kombiniert werden. Je nach System erfolgt die Verbindung kabelgebunden oder drahtlos. In einer 2024 veröffentlichten Studie wurden sechs kommerziell verfügbare Handheld-Systeme untersucht und kabelgebundene als auch kabellose, mit Tablets verbundene Geräte, verglichen.

Für die klinische Praxis ist damit insbesondere Handheld-Ultraschall interessant, wenn sonografische Bildgebung unmittelbar am Ort der Patientenversorgung verfügbar sein soll. Die Auswahl eines Systems sollte sich jedoch nicht allein an seiner Portabilität orientieren. In der genannten Vergleichsstudie nannten POCUS-erfahrene Ärzte und Ärztinnen insbesondere Bildqualität, Bedienbarkeit, Portabilität, Sondengröße und Akkulaufzeit als relevante Eigenschaften.

Wie sich solche Geräte in dezentralen Versorgungsstrukturen einsetzen lassen, untersuchte eine Pilotstudie aus Brandenburg. Neun Hausärzte und Hausärztinnen, sechs Palliativmediziner und Palliativmedizinerinnen, vier Notärzte und Notärztinnen und fünf Pflegekräfte aus der Palliativversorgung nahmen nach einem dreistündigen Workshop und einer zweiwöchigen individuellen Trainingsphase an dem Projekt teil. Insgesamt wurden 427 Handheld-POCUS-Untersuchungen dokumentiert.

Bei den 311 ärztlich durchgeführten Untersuchungen berichteten die Autoren und Autorinnen in 80,4 Prozent der Fälle einen relevanten Einfluss der Untersuchung auf das Patientenmanagement. In 49,5 Prozent der Fälle floss der Befund nach Angaben der Studienautoren und Studienautorinnen in Therapieentscheidungen ein. Bei 17,7 Prozent führte das Ergebnis zu einer Krankenhauseinweisung oder Überweisung an einen ambulanten Spezialisten. Diese Ergebnisse stammen aus einer einzelnen Pilotstudie und lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf andere Versorgungsstrukturen übertragen.

Warum Handheld-Ultraschall gerade jetzt an Bedeutung gewinnt

Die technische Entwicklung fällt in eine Zeit erheblicher struktureller Belastungen der europäischen Gesundheitsversorgung. Die WHO erwartet für ihre Europäische Region bis 2030 einen Fehlbestand von nahezu einer Million Gesundheitsfachkräften. Als Einflussfaktoren nennt sie unter anderem die Alterung der Bevölkerung, einen steigenden Versorgungsbedarf, die Alterung der Gesundheitsberufe sowie Schwierigkeiten bei Gewinnung und Bindung von Personal.

Aus diesen Versorgungsproblemen lässt sich allerdings nicht ableiten, dass mobile Sonografie personelle Engpässe kompensieren könnte. Dafür gibt es keine belastbare Grundlage. Ihr klinischer Nutzen sollte vielmehr anhand konkreter medizinischer Fragestellungen beurteilt werden.

POCUS wird in unterschiedlichen Fachgebieten eingesetzt und ist insbesondere auf fokussierte Untersuchungen am Behandlungsort ausgerichtet. Das europäische Positionspaier zur POCUS-Ausbildung in Allgemeinmedizin und Familienmedizin beschreibt die Methode als zunehmend relevantes diagnostisches Instrument, das in bestehende klinische Untersuchungsabläufe integriert werden soll.

Wo Handheld-Ultraschall eingesetzt wird

Zu den etablierten Anwendungsbereichen von Point-of-Care-Ultraschall gehört die Akut- und Notfallmedizin. Das gemeinsame Positionspapier der European Society for Emergency Medicine und der European Federation of Societies for Ultrasound in Medicine and Biology beschäftigt sich ausdrücklich mit dem klinischen Einsatz, der Ausbildung und der Qualitätssicherung von POCUS in der Notfallmedizin.

Ein besonders gut untersuchtes Anwendungsfeld ist die Lungensonografie. Ein internationaler multidisziplinärer Konsens aus dem Jahr 2023 aktualisierte frühere Empfehlungen auf Grundlage der in den vorausgegangenen zehn Jahren hinzugekommenen Evidenz. Das Dokument enthält 20 Statements zu technischen, klinischen, edukativen und sicherheitsbezogenen Aspekten der Lungensonografie.

Als Vorteile der Lungensonografie nennen die Autoren und Autorinnen unter anderem Echtzeitbildgebung, das Fehlen ionisierender Strahlung, Portabilität und die Möglichkeit der Untersuchung unmittelbar am Patientenbett. Gleichzeitig betonen sie die Notwendigkeit standardisierter, evidenzbasierter Verfahren.

Auch kardiale, abdominale und oberflächliche Untersuchungen gehören zu typischen POCUS-Anwendungen. In der Vergleichsstudie von Perez-Sanchez et al. wurden deshalb gezielt drei standardisierte Untersuchungssituationen verwendet: der rechte Oberbauch, eine apikale Vierkammeransicht des Herzens sowie oberflächliche Hals- und Lungenansichten.

Diese Kombination verdeutlicht zugleich, weshalb sich die Eignung eines Handheld-Geräts nicht pauschal beurteilen lässt. Unterschiedliche anatomische Regionen und Untersuchungstiefen stellen unterschiedliche Anforderungen an Sonde und Bildgebung.

Digitale Integration und Dokumentation

Mobile Ultraschallgeräte erzeugen ebenso wie konventionelle Systeme diagnostische Informationen, die in die medizinische Dokumentation eingebunden werden müssen. Für die vertragsärztliche Ultraschalldiagnostik bestehen in Deutschland verbindliche Qualitätssicherungsanforderungen, wie z. B. die aktuelle Qualitätssicherungsvereinbarung Ultraschalldiagnostik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die in der Fassung vom 25. September 2025 gültig und seit dem 1. Oktober 2025 in Kraft ist.

Die konkrete technische Integration eines Handheld-Systems in PACS, Praxissoftware oder Krankenhausinformationssysteme unterscheidet sich jedoch zwischen Geräten und lokalen IT-Infrastrukturen. Pauschale Aussagen dazu, welche Schnittstellen oder Datenschutzfunktionen moderne Systeme generell bieten, wären ohne gerätespezifische Prüfung nicht belastbar. Entsprechende Anforderungen sollten deshalb für das jeweils eingesetzte System separat bewertet werden.

Für die klinische Einführung bedeutet dies, dass nicht allein die Bildakquisition berücksichtigt werden sollte. Ebenso relevant ist, wie Untersuchungsergebnisse dokumentiert, gespeichert und in bestehende institutionelle Abläufe integriert werden. Welche konkreten technischen und datenschutzrechtlichen Maßnahmen notwendig sind, hängt von System, Einrichtung und Nutzungsszenario ab.

Ausbildung entscheidet über den klinischen Nutzen

Sonografie ist in besonderem Maße untersucherabhängig. Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschallmedizin (DEGUM) weist in ihrem Qualitätssicherungskonzept für die vaskuläre Ultraschalldiagnostik ausdrücklich darauf hin, dass der diagnostische Ertrag wesentlich vom Ausbildungs- und Erfahrungsstand der untersuchenden Person abhängt. Die Gesellschaft verbindet dies mit der Forderung nach kompetenter Anleitung, regelmäßiger praktischer Anwendung und kontinuierlicher Fortbildung.

Auch für die internistische Sonografie bestehen strukturierte Qualifikationsmodelle. Die Sektionen Innere Medizin, Radiologie und Chirurgie der DEGUM verwenden ein gemeinsames dreistufiges Konzept für die abdominale Ultraschalldiagnostik. Es definiert qualitative und quantitative Mindestanforderungen für Zertifizierung und Rezertifizierung.

Für die DEGUM-Stufe I der internistischen Sonografie werden beispielsweise mindestens 800 eigenständig durchgeführte Untersuchungen sowie der Nachweis einer praktischen Ultraschallausbildung und entsprechender Kursqualifikationen verlangt. Für Stufe II gelten deutlich umfangreichere Erfahrungsanforderungen, darunter mehrere Jahre aktive Ultraschalldiagnostik und mehrere Tausend dokumentierte Untersuchungen.

Diese Anforderungen beziehen sich nicht speziell auf Handheld-POCUS, verdeutlichen jedoch den hohen Stellenwert von Ausbildung und Erfahrung innerhalb der ärztlichen Sonografie.

Auch die Brandenburg-Pilotstudie zeigt, dass der Einsatz mobiler Systeme nicht losgelöst von Qualifikation betrachtet wurde: Vor Beginn der Untersuchungen absolvierten die Teilnehmenden sowohl einen Workshop als auch eine individuelle Trainingsphase.

Was moderne Handheld-Geräte leisten

Die technische Ausstattung von Handheld-Systemen unterscheidet sich erheblich. Die 2024 publizierte Studie von Perez-Sanchez et al. verglich sechs Systeme, die sowohl hoch- als auch niedrigfrequente Untersuchungen ermöglichten. Die technischen Konzepte reichten von Einzelsonden mit unterschiedlichen Sondentechnologien bis zu Systemen mit mehreren separaten Sonden.

Die 35 beteiligten POCUS-Experten und -Expertinnen aus Innerer Medizin, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Pneumologie und Nephrologie untersuchten dieselben standardisierten Patienten und Patientinnen mit allen sechs Geräten. Bewertet wurden unter anderem Bildqualität und Bedienbarkeit.

Die Ergebnisse unterschieden sich je nach untersuchter Region. Für die Darstellung des rechten Oberbauchs erhielt ein anderes Gerät die höchste Bewertung als für die apikale Vierkammeransicht oder die oberflächliche Hals- und Lungenuntersuchung. Die Autoren kamen daher zu dem Schluss, dass kein einzelnes Handheld-System hinsichtlich der Bildqualität bei sämtlichen untersuchten Ansichten überlegen war.

Für die ärztliche Praxis ist diese Differenzierung relevant: Ein allgemeines Ranking sagt weniger aus als die Frage, für welche konkreten Untersuchungen ein Gerät vorgesehen ist.

Auch eine andere prospektive Untersuchung aus dem Jahr 2024, in der neun Handheld-Systeme für die abdominale Sonografie miteinander verglichen wurden, zeigte Unterschiede bei B-Bild-Qualität, Gerätehandling und Software. Damit wird auch unabhängig von einzelnen Herstellern deutlich, dass technische Leistungsfähigkeit und Anwendererfahrung zwischen Systemen variieren können.

Künstliche Intelligenz als Assistenz

Künstliche Intelligenz wird zunehmend auch für sonografische Anwendungen untersucht. Der internationale Konsens zur Lungensonografie behandelt KI ausdrücklich als ein Entwicklungsfeld und diskutiert unter anderem automatisierte Analyseverfahren für sonografische Bilddaten.

Für die klinische Einordnung ist Zurückhaltung angebracht. Aus der Verfügbarkeit automatisierter Funktionen folgt nicht, dass die diagnostische Interpretation oder ärztliche Verantwortung auf ein Assistenzsystem übertragen werden könnte. Der genannte Konsens ordnet KI vielmehr als Bereich weiterer Forschung und methodischer Entwicklung ein.

Welche KI-Funktionen ein konkretes Handheld-System tatsächlich bietet, hängt von Hardware, Softwareversion, Zulassungsstatus und Markt ab. Produktbezogene Aussagen sollten daher stets anhand der jeweils aktuellen Hersteller- und Zulassungsinformationen geprüft werden. Für die generelle Beurteilung des klinischen Nutzens reichen Herstellerangaben allein nicht aus.

POCUS als Ergänzung der körperlichen Untersuchung

Die zunehmende Verfügbarkeit portabler Ultraschalltechnik verändert die Rolle der Sonografie in der unmittelbaren Patientenversorgung. Dabei ist entscheidend, POCUS nicht als Ersatz für die körperliche Untersuchung oder umfassende bildgebende Diagnostik zu verstehen.

Das EURACT-Positionspapier von 2026 formuliert diese Abgrenzung ausdrücklich: POCUS soll die klinische Untersuchung ergänzen und nicht ersetzen. Gleichzeitig empfiehlt die European Academy of Teachers in General Practice/Family Medicine eine longitudinale Integration von POCUS-Ausbildung in Studium, fachärztliche Weiterbildung und kontinuierliche ärztliche Fortbildung.

Auch Narula, Chandrashekhar und Braunwald verstanden die „Insonation“ nicht als Ersatz klassischer Untersuchungstechniken, sondern als technologische Erweiterung der Untersuchung am Patientenbett.

Für die ärztliche Praxis ergibt sich daraus eine klare Einordnung: Der Nutzen von POCUS entsteht nicht durch die geringe Größe des Geräts allein. Entscheidend sind eine definierte klinische Fragestellung, geeignete technische Voraussetzungen, ausreichende Qualifikation und die Fähigkeit, einen sonografischen Befund im Gesamtkontext der Patientinnen und Patienten einzuordnen. Die bestehenden Ausbildungs- und Qualitätssicherungskonzepte tragen diesem Anspruch Rechnung.

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