Schizophrenie – eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Schizophrenie  c  berchtesgaden fotoliambjgst

„Schizophrenie? Das ist doch die Krankheit, bei der Menschen eine gespaltene Persönlichkeit haben!“, so oder so ähnlich antworten wahrscheinlich die meisten Menschen auf die Frage nach der Bedeutung von Schizophrenie. Dieser Mythos hat sich bis heute hartnäckig gehalten – dabei ist die Persönlichkeitsspaltung keineswegs ein typisches Symptom der Schizophrenie. Was macht die psychische Erkrankung also stattdessen aus?

Kern der Schizophrenie: Sie ist eine Psychose. Wahrnehmung, Denken, Sprechen, Gefühle – all das ist bei einer Psychose teils schwer gestört. Doch was heißt das genau, „gestört“?

Was ist die Schizophrenie?

Was um uns herum passiert, nehmen wir normalerweise mit all unseren Sinnen wahr. Wir sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken unsere Umwelt. All diese Reize laufen im Gehirn zusammen und werden dort zu einem Gesamteindruck zusammengefügt. Unnötiges sortiert die Schaltzentrale aus – meist registrieren wir es gar nicht. Auch „Einbildungen“ haben keine Chance. Wenn wir zum Beispiel das Gefühl haben, aus dem Augenwinkel etwas auf unserem Schreibtisch krabbeln zu sehen, gucken wir sofort noch einmal hin – stimmt das? Diese Überprüfung zeigt, ob tatsächlich ein Insekt im Büro unterwegs ist oder ob wir uns getäuscht haben. Das Gehirn kann seine erste Interpretation korrigieren. Bei Schizophrenie ist dieser Filter außer Kraft gesetzt: Der Betroffene sieht „tatsächlich“ einen Käfer auf seinem Tisch – und reagiert entsprechend.

Mit einer gespaltenen Persönlichkeit hat die Schizophrenie also überhaupt nichts zu tun. Das oft unverständliche Verhalten der Betroffenen liegt nicht an den verschiedenen Personen, die sie vermeintlich in sich tragen, sondern an ihren teils massiven Wahrnehmungsstörungen. Die Auswirkungen dieser Störungen sind vielfältig und betreffen auch die gesamte Persönlichkeit: Schizophrene Menschen hören Stimmen, sehen Dinge, die nicht da sind, können sich nicht konzentrieren, leiden unter Verfolgungswahn oder anderen Wahnvorstellungen. Viele ziehen sich immer mehr zurück, kämpfen mit Antriebslosigkeit und vernachlässigen sich selbst. Manche haben außerdem Probleme damit, ihre eigene Person von ihrer Umwelt abzugrenzen, oder sind gekennzeichnet von einem Wechsel extrem verstärkter und abgeschwächter Gefühle. Auf die Intelligenz hat die Schizophrenie in der Regel keine Auswirkungen.

Ausbrechen kann eine Schizophrenie ganz plötzlich und überraschend oder langsam und schleichend. Den Anfang kennzeichnet meist eine verstärkte Empfindlichkeit gegenüber Reizen der Umwelt – egal ob sie den Körper oder die Psyche betreffen. Der Erkrankte interpretiert seine Umwelt zunehmend falsch und wird deshalb unsicher. Bei einem akuten Schub verschlimmert sich die Symptomatik deutlich. Werden die Beschwerden anschließend schwächer, verschwinden aber nicht mehr vollkommen, ist die Schizophrenie wahrscheinlich chronisch geworden.

Entstehung und Behandlung einer Schizophrenie

Die Entstehung von Schizophrenie stellt die Forschung auch heute noch vor ein großes Rätsel. Körperlich ist mit den Schizophrenie-Kranken meistens alles in Ordnung. Wie bei so vielen anderen Erkrankungen scheinen allerdings auch bei Schizophrenie mehrere Faktoren eine Rolle zu spielen: So konnten Wissenschaftler neben familiärer Häufung auch ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn ihrer Patienten beobachten. Menschen, die besonders empfindlich auf Reize aller Art regieren oder traumatische Erlebnisse verarbeiten müssen, scheinen ein größeres Risiko zu haben, an Schizophrenie zu erkranken.

Der Weg bis zur Diagnose ist in vielen Fällen lang und beschwerlich: In Gesprächen kann der Arzt oder Therapeut die Anzeichen der Schizophrenie erkennen und weiterverfolgen – doch muss er seinen Patienten auch auf alle anderen Erkrankungen untersuchen, die zu einem ähnlichen Beschwerdebild führen können. Die Möglichkeiten sind endlos: Liegt eine Rauschmittel-Abhängigkeit vor? Eine Erkrankung des Gehirns? Autismus? Eine Depression? Andere psychische Krankheiten? All das muss abgeklärt werden, bevor die Diagnose Schizophrenie gestellt werden kann.

Den Auswirkungen der Erkrankung ist man als Betroffener aber keineswegs wehrlos ausgeliefert: Zwar ist sie heute noch nicht heilbar, doch kann eine medikamentöse Behandlung die Schizophrenie gut unter Kontrolle bringen. Antipsychotika verhindern Halluzinationen und regulieren die Reaktion auf äußere Reize. Neuroleptika lindern Angst und Wahnvorstellungen. Auch das Rückfallrisiko nimmt mit Medikamenten deutlich ab. Dennoch müssen die Patienten mit Nebenwirkungen rechnen. Zusätzlich helfen Psycho- und andere Therapieformen, die Schizophrenie zu bewältigen und wieder an Lebensqualität zu gewinnen. Gerade zu Anfang empfiehlt sich für viele Betroffene eine stationäre Behandlung.