Persönliches Budget: So können Sie Pflege selbstständig organisieren

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Die Pflege ist zu einem wichtigen politischen Thema geworden. In den Diskussionen geht es um Arbeitsbedingungen, staatliche und private Einrichtungen und die Qualität der Versorgung. Angehörige stellen sich dabei nur eine wichtige Frage: Was will der Pflegebedürftige? Sie wünschen sich für ihn ein schönes und glückliches Leben, trotz Beeinträchtigung.

Um Betroffenen mehr Entscheidungsgewalt zu geben, wurde 2008 das Gesetz zum persönlichen Budget verabschiedet. Mit seiner Hilfe können Menschen mit Behinderungen und ihre Vertrauten selbst bestimmen, durch wen, wann und wie die nötige Pflege erfolgen soll. Trotz der vielen neuen Möglichkeiten ist das persönliche Budget allerdings noch weitgehend unbekannt und wird nur selten beantragt.

Persönliches Budget oder Sachleistungen?

Pflegebedürftigen stehen mehr Möglichkeiten offen, als viele denken. Dabei fällt die Entscheidung nicht immer leicht. Heime, häusliche Pflege mit Sachleistungen und das persönliche Budget haben alle ihre Vor- und Nachteile. Um eine gute Entscheidung zu treffen, müssen deshalb die Wünsche aller Beteiligten miteinbezogen werden. Das persönliche Budget bietet dabei die meisten Freiheiten, braucht aber auch viel Eigenverantwortung.

Denn in der Regel bekommt der Pflegebedürftige oder sein Vormund lediglich ein monatliches Budget zur Verfügung gestellt. Mitarbeiter, Zeitplan, Abrechnung und vieles mehr muss er selbst organisieren. Das ermöglicht ihm ein hohes Maß an eigenen Entscheidungen: Wann möchte ich frühstücken und was? Welche Therapien möchte ich ausprobieren? Wie gestalte ich meine Freizeit? Wer soll mich waschen, mit wem gehe ich lieber spazieren? Der Betroffene kann sein Leben selbst gestalten, ganz nach seinen individuellen Bedürfnissen und Wünschen. Gleichzeitig müssen er oder seine Vertrauten aber auch den organisatorischen Aufwand stemmen. Zur Unterstützung kommt deshalb häufig ein Budgetberater zum Einsatz.

Die Antragsstellung des persönlichen Budgets

Auch bei der Antragsstellung des persönlichen Budgets hilft häufig ein Berater. Denn genaue Informationen und Aufklärung finden Angehörige und Pflegebedürftige nur schwer. Hinzu kommt, dass im Alltag oft Kraft und Zeit fehlen, um sich mit dem mitunter langen Verfahren zu beschäftigen. Hilfestellung bietet zum Beispiel Ralf Monréal von proroba, einer deutschlandweiten Budgetberatung. Sein Ratgeber „So menschlich kann Pflege sein“ enthält viele Fallbeispiele. In einem zweiten Teil des Buches führt er außerdem durch den Prozess der Antragsstellung, sodass er auch ohne externe Berater durchlaufen werden kann. Trotzdem macht sein Buch vor allem eines klar: Leicht ist der Vorgang in der Regel nicht.

Ralf Monreal So menschlich kann Pflege sein Ratgeber persönliches BudgetFür uns hat Ralf Monréal einige Fragen zum persönlichen Budget beantwortet:

ÄRZTE.DE: Für wen kommt das persönliche Budget infrage?

Ralf Monréal: Das persönliche Budget kommt für jeden infrage, der schwerbehindert oder in näherer Zukunft, also innerhalb der nächsten sechs Monate, von einer Schwerbehinderung betroffen ist, zum Beispiel im Anfangsstadium einer Multiplen Sklerose. Dabei ist es egal, ob er ein kleines Baby ist oder ein ganz alter Mensch. Es gibt natürlich große Unterschiede, auf was genau ich Anspruch habe, je nach Art der Schwerbehinderung. Vielleicht benötige ich auch erst mal gar keine Hilfe. Die eigentliche Vorrausetzung ist aber, dass ich schwerbehindert bin.

ÄRZTE.DE: Muss ich das persönliche Budget zu Hause nutzen oder könnte ich es auch als Heimbewohner beantragen?

Ralf Monréal: Hier sind Theorie und Praxis sehr unterschiedlich. Grundsätzlich funktioniert das persönliche Budget auch in einem Heim. Das ist aber eher ein theoretischer Gedanke. Das Heim als Leistungsträger würde das mit Sicherheit nicht so durchführen, weil es die Pflege sehr gut über die Sachleistung abrechnen kann. Beim persönlichen Budget müsste es einzelne Rechnungen stellen und andere Nachweise bringen. Das wollen die Heime in der Form meist nicht. Das persönliche Budget wird also fast immer zu Hause durchgeführt. Es gibt Ausnahmefälle, zum Beispiel wenn jemand im Heim ist und zusätzliche Freizeitbegleitung hat, aber das ist wirklich sehr selten.

ÄRZTE.DE: Welche Schritte sind bis zum persönlichen Budget nötig?

Ralf Monréal: Der erste Schritt ist sich zu überlegen, ob ich selbst entscheiden oder jemand anderen entscheiden lassen möchte, was mit mir am Tag passiert. Wenn ich sehr zufrieden damit bin, dass andere über mein Leben entscheiden, sollte ich einen Pflegedienst oder ein Pflegeheim wählen. In diesem Fall ist ein persönliches Budget nicht geeignet. Denn es bedingt, dass ich selbst- und eigenverantwortlich entscheiden möchte: Wer pflegt mich, wer soll meine Freizeitassistenz machen, wer geht mit mir einkaufen.
Möchte ich die Entscheidung bei mir belassen, dann kommt der nächste Schritt. Das ist die Frage, ob ich das persönliche Budget alleine beantragen kann. Die Hauptkostenträger sind meist die Krankenkasse oder das Grundsicherungsamt. Wenn ich mich dazu in der Lage fühle, direkt auf sie zuzugehen, dann stelle ich den Antrag. Anschließend muss die entsprechende Behörde ihn bearbeiten. Wenn ich Unterstützung brauche, weil ich zum Beispiel keine Kenntnis habe, dann sollte ich mir einen Budgetberater suchen, der mich bei der Antragsstellung begleitet.

ÄRZTE.DE: Was passiert, nachdem ich den Antrag gestellt habe?
Ralf Monréal: Gesetzlich gesehen muss die Behörde mit der Antragsstelle ein Antragsermittlungsverfahren durchführen. Das heißt, sie muss aufgrund der Antragsstellung von meiner Seite aus tätig werden und sie muss mir auch mitteilen, was ich weiter zu tun habe. Jetzt wissen bis heute die Behörden oftmals nicht, wie das genau ablaufen sollte. Deshalb ist es immer ganz gut, auch aktiv mit den Behörden in Kontakt zu bleiben. Ihnen klar zu machen: Ich habe diesen speziellen Wunsch und der- oder diejenige unterstützt mich dabei. Was brauchen Sie noch an Unterlagen von mir?

ÄRZTE.DE: Ist es empfehlenswert den Antrag alleine zu stellen? Oder sollte ich mir lieber Hilfe suchen?

Ralf Monréal: Das hängt ein bisschen vom eigenen Gefühl ab. Wenn ich selbstbewusst bin und keine Scheu habe, zur Behörde zu gehen, dann sollte ich es ruhig selbst machen. Man muss nicht immer Unterstützung eines Budgetberaters in Anspruch nehmen. Aber bei größeren Budgets, ich denke etwa ab sechs Stunden Pflege und Betreuung pro Tag, sollte ich mir immer eine Unterstützung suchen. So ist die Dokumentation für den Antrag auf jeden Fall passend und die Behörde kann auch ein bisschen schneller reagieren.

ÄRZTE:DE: Was muss ich bei der Antragsstellung beachten?

Ralf Monréal: Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, zu dokumentieren. Ich sollte immer Kopien behalten, sodass ich entsprechend nachvollziehen kann, was ich eingereicht und was ich daraufhin zurückbekommen habe. Dann kann der Antrag gegebenenfalls extern geprüft werden. So ist meine Eigenverantwortlichkeit wirklich sicher und ich rutsche nachher in keine Kostenfalle hinein. Denn ein Budget ist eine sehr gute Lösung. Wurde es aber falsch berechnet, weil die Behörde zu wenig Geld dafür zur Verfügung stellt und ich es selber nicht überblicken kann, kann das zu hohen Kosten führen. Diese werden im Nachgang möglicherweise nicht übernommen, wenn ich nicht ordentlich dokumentiert habe. Das ist das einzige Risiko beim persönlichen Budget. Deswegen bin ich ein Fan davon, sich zumindest lose begleiten zu lassen. Das Budget sollte von einem Experten durchkalkuliert werden, damit ich am Ende auch meine Mitarbeiter bezahlen kann.

ÄRZTE.DE: Welche neuen Aufgaben erwarten mich, wenn der Antrag bewilligt wurde?

Ralf Monréal: Plötzlich bin ich als Schwerbehinderter, der sowieso schon eingeschränkt ist, Arbeitgeber geworden. Das sind natürlich große Aufgaben, die zu bewältigen sind. Deswegen hat der Gesetzgeber von vorneherein gesagt: Du als Betroffener darfst eigenverantwortlich entscheiden, wer bei dir als Assistenz oder Pflegeassistenz tätig ist.  Gleichzeitig bekommst du aber auch die Beratung und Unterstützung bezahlt, damit das richtig laufen kann. Im Gesetz ist verankert, dass die Nebenkosten von der Behörde finanziert werden. Dazu gehören zum Beispiel Dienstplan, Verträge, Kündigung, Sozialversicherung und Finanzamt.

ÄRZTE.DE: Wie kann ich mich darauf vorbereiten?

Ralf Monréal: Sicherlich können Sie Kurse besuchen, wenn Sie sich an der Stelle als Unternehmensgründer sehen. Natürlich gibt auch das Internet sehr viel her. Trotzdem sollte Sie aus meiner Sicht mindestens einen Steuerberater hinzuziehen, der unter Umständen auch die Lohnabrechnung abdecken kann. In größeren Budgets ist ein Budgetberater nötig, der das gesamte Feld überblickt, inklusive Dienstpläne, Bewerbungsverfahren und Datenschutzvorgaben. Da gibt es sehr viele offene Fragen, die über den Teil des Steuerberaters noch ein Stückchen hinausgehen.

ÄRZTE.DE: Was möchten Sie Antragsstellern mit auf dem Weg geben?

Ralf Monréal: Am Ende ist die Frage immer: eigenverantwortlich oder fremd bestimmt? Grundsätzlich würde jeder sagen, ich möchte selbst entscheiden. Den Betroffenen wird aber viel Angst gemacht. Das soll nicht sein. Egal in welchem Alter ich mich befinde, Freiheit ist das, was ich für mein Leben benötige. Das sollte man sich nicht kaputtmachen lassen, weil irgendjemand unterwegs sagt: „Lassen Sie besser die Finger davon! Gehen Sie doch lieber zum Pflegedienst oder in ein Pflegeheim!“ Das ist es nicht wert. Wenn ich sage, ich möchte frei entscheiden, dann sollte ich dieses Risiko eingehen. Es kann ja dadurch minimiert werden, dass ich mich begleiten lasse oder mir im Buch oder im Internet die Informationen hole, die ich benötige.