„Die Zukunft der Medizin geht uns alle an“

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Cover Die Zukunft der Medizin

Die Zukunft der Medizin; nicht heute, sondern in einigen Jahren oder Jahrzehnten – diesem Thema haben Prof. Erwin Böttinger und Dr. Jasper zu Putlitz ein ganzes Buch gewidmet. Gemeinsam haben sie führende Experten der für sie sieben wichtigsten Themenbereiche ausfindig gemacht und ihre Beiträge gesammelt.

Von Nanopartikeln über digitale Assistenten bis hin zur veränderten DNA beschreiben diese Techniken, die heute noch nicht umsetzbar sind, in einigen Jahren oder Jahrzehnten aber wahr werden könnten. Dabei ist ein wissenschaftliches, aber auch unterhalts

ames Buch herausgekommen, dass sich an alle richtet: Beschäftigte der Gesundheitsbranche, Entscheidungsträger, aber auch einfach interessierte Laien.

Was die beiden Verfasser von den Visionen halten und wie Sie sich die Zukunft der Medizin vorstellen können, haben sie uns im ÄRZTE.DE Interview verraten:

 

 

 

ÄRZTE.DE: In „Die Zukunft der Medizin“ haben Sie viele verschiedene Ideen gesammelt. Welche ist für Sie die Interessanteste?

Dr. Jasper zu Putlitz: Wir leben in einer Zeit, in der es auf vielen Gebieten enorme Fortschritte gibt, etwa durch die Digitalisierung, neue Möglichkeiten der Datenanalyse und die parallel voranschreitende Verbesserung der medizinischen Grundlagenforschung. Für mich persönlich am interessantesten ist, wie wir mit dem Auswerten von Daten in der Medizin Verbesserungen erzielen können, beispielsweise genomische Daten, um bestimmte Krankheiten zu entschlüsseln.

Prof. Erwin Böttinger: Für das Buch haben wir alle Kapitel ausgewählt, die für uns spannend, interessant und wichtig sind. Wenn ich mich jetzt entscheiden muss, stimme ich Dr. Jasper zu Putlitz aber zu. Die Verfügbarkeit der Daten ist extrem wichtig und in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung von künstlicher Intelligenz und Algorithmen. Mit ihnen haben wir jetzt das Potenzial, Gesundheitsfragen für einzelne Bürger und Bürgerinnen ganz neu anzugehen.

ÄRZTE.DE: Im Zusammenhang mit Gesundheitsdaten geht es schnell auch um den Datenschutz. Reichen die Vorschläge aus Ihrem Buch denn aus, um Entscheidungsträger und Patienten zu überzeugen?

Dr. Jasper zu Putlitz: Ich glaube, in diesem Zusammenhang muss man sagen, dass viele Dinge, die wir in Deutschland noch diskutieren, in anderen Ländern bereits umgesetzt sind. Beispielsweise gibt es in vielen, auch europäischen Ländern schon umfangreiche Patientenaktensysteme, in denen die Daten zusammengeführt werden, zum Nutzen von Patienten und auch zum Nutzen einer besseren Versorgung. Insofern glaube ich, dass wir in Deutschland die Diskussion rund um Datenschutz zwar haben müssen, aber tendenziell leider etwas überbewerten.

ÄRZTE.DE: Deutschland hinkt beim Datenschutz hinterher. Gibt es denn auch andere Bereiche, in denen wir uns schnell verbessern müssen?

Dr. Jasper zu Putlitz: In einer Studie der Bertelsmann Stiftung vom letzten Jahr wurde die Digitalisierung des Gesundheitswesens in 17 Ländern verglichen. Deutschland hat Platz 16 belegt, vor Polen als Schlusslicht. Die Studie hat verschiedene Dimensionen der Digitalisierung untersucht, auch banale Dinge, wie die Terminvereinbarung, die Planung von Eingriffen oder das E-Rezept. Das sind heute noch Punkte, die keineswegs realisiert sind, die in anderen Ländern aber schon funktionieren.

Prof. Erwin Böttinger: Aus meiner Sicht muss alles, was sich anderswo als sinnvoll erwiesen hat und einen Mehrwert in der Gesundheitsversorgung bietet, auch in Deutschland umsetzbar sein. Das ist doch gesunder Menschenverstand, dass man sich dem nicht verschließt, unter Anführung bestimmter hiesiger Bedingungen. Dann muss man halt die Bedingungen entsprechend verändern, dass das hier auch umsetzbar ist. Was sinnvoll ist, muss auch in Deutschland möglich werden.

ÄRZTE.DE: Personalmangel ist eines der großen Themen der Gesundheitsbranche. Die Beiträge in Ihrem Buch nennen hier oft technische Lösungen, um Mediziner zu entlasten. Fehlt da nicht der persönliche Kontakt?

Dr. Jasper zu Putlitz: Weder Erwin Böttinger noch ich sind Advokaten einer Reduzierung des persönlichen Kontakts in der Medizin. Ganz im Gegenteil. Wir glauben, dass die Technologien, die im Buch beschrieben werden, die Chance bieten, Ärzte und Pflegekräfte zu entlasten. Gleichzeitig geben sie ihnen die Möglichkeit, sich mehr um einzelne Patienten zu kümmern. Wenn wir heute Ärzte oder Pflegekräfte fragen, was sie an ihrem Beruf am meisten einschränkt, dann ist das die routinemäßige Auswertung von riesigen Datenmengen, dies man eben auch automatisieren könnte.

Prof. Erwin Böttinger: Es geht darum, Zeit zu gewinnen, etwa durch die Übernahme von Dokumentationsaufgaben oder Erhebungen. Da kann viel automatisiert werden. Bei Befragungen von Patienten geht der Arzt etwa nach einem gewissen Kanon vor, um Muster zu erkennen. In einem solchen Fall kann man ganz elegant eine Maschine trainieren, die die gleiche Befragung durchführt. Der Arzt oder die Pflegekraft bekommt eine vorstrukturierte Zusammenfassung des Gesprächs oder der Daten des Patienten übermittelt, sodass viel Zeit gespart werden kann. Die kann dann für das Wesentliche, die Diagnose und die Therapie, genutzt werden. Alle Kollegen in der Praxis werden Ihnen sagen, dass sie zu viel Zeit für Dokumentation und für Routineaufgaben verwenden und sich deshalb weniger auf die Patienten, auf das Gespräch und die Interaktion konzentrieren können.

ÄRZTE.DE: Ich fand es sehr spannend, dass Sie sich mit Ihrem Buch gleichzeitig an Ärzte und Patienten richten. Im medizinischen Bereich ist das ja nicht so üblich.

Dr. Jasper zu Putlitz: Traditionell war das vielleicht mal so, aber wir leben in einer Zeit des patient empowerment. Genau wie Konsumenten immer stärker werden, nicht zuletzt durch das Internet, verlangen auch Patienten immer mehr: eine bessere User experience, einen besseren Service, transparentere Information. All diese Dinge spielen in Zukunft eine ganz wesentliche Rolle in der Gesundheitsversorgung. Insofern richtet sich unser Buch in der Tat an Patienten, aber eben auch an Ärzte, weil es auch eine gewisse Konvergenz gibt. Denn die Zukunft der Medizin geht uns alle an.

 

           Erwin Böttinger                                       Zu Putlitz                                                

 ©HPI/Kay Herschelmann