Das perfekte Geschenk - eine wissenschaftliche Suche

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Morgen Kinder, wird's was geben, morgen werden wir uns freu'n. Welch ein Jubel, welch ein Leben, wird in unserm Hause sein. Einmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag.

Wen diese Zeilen in Stress versetzen, dem geht es vielleicht wie mir. Nur ein paar Tage bis Weihnachten und noch immer fehlen viele Geschenke auf meiner Liste. Ich grübele und ärgere mich darüber mal wieder so lange damit gewartet zu haben. Warum eigentlich? Warte ich auf die richtige Weihnachtsstimmung? Nur um dann kurz vor knapp etwas zu kaufen und es schließlich mit mulmigem Gefühl zu verschenken. Ich habe Glück: Zum richtigen Zeitpunkt fällt mir Bernd Stauss neues Buch „Das perfekte Geschenk – Zur Psychologie des Schenkens“ in die Hände. Damit muss es doch klappen, oder nicht?

Die Bewertung ist Gebersache

In meiner prä-weihnachtlichen Vorstellung wandere ich auf der Suche nach Geschenken durch ein hübsch geschmücktes Adventswunderland, in der Hand ein Lebkuchen, während im Hintergrund leise Frank Sinatras Christmas-Album läuft. Alle Warenkörbe des Kaufhauses sind reichlich mit all jenem bestückt, wonach ich gesucht habe.

Tatsächlich versuche ich zwischen Beruf, Kindern, Terminen und dem restlichen Alltag via Smartphone mal eben für alle etwas in den virtuellen Warenkorb zu legen. Bernd Stauss ist em. Professor für Dienstleistungsmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er kennt die Suche nach Geschenken aus vielen Perspektiven und er hat recht: Schenken ist ein komplexes und psychologisches Phänomen. Möchte ich beim Gegenüber Freude erwecken, muss ich mich in den oder die Andere einfühlen. Ich darf nicht meine eigenen, sondern sollte vielmehr die Werte des Empfängers in das Geschenk einfließen lassen. Letztlich entscheidet ohnehin der Beschenkte darüber, ob es sich hierbei um ein gelungenes Geschenk handelt.

Die Symbolik des Geschenks

Ein Wunschzettel kann die Suche nach der perfekten Sache vereinfachen. Kinder empfinden schon beim Schreiben oder Malen dieser Liste das pure Glück. Vorfreude ist eben doch die schönste Freude, oder nicht? Stauss schreibt weiter, Eltern sollten natürlich versuchen, ihren Kindern diese Wünsche zu erfüllen und dafür auch mal pädagogische Ansichten beiseitelegen. Ja, das gewünschte Ding ist zum großen Teil aus Plastik, oder ein Produkt einer mehr oder weniger bekloppten Fernsehserie- wenn sich der Nachwuchs beim Gedanken an dieses Spielzeug verzehrt, dann bereite ich ihm damit die größte Freude.

Pädagogische Absichten haben insbesondere in Geschenken unter Erwachsenen nichts verloren. Beschließe ich, dass die Orientierung an meinen Interessen, Werten und meinem Geschmack wichtiger ist als die der EmpfängerIn, zeigt das nur Egoismus und Selbstsucht. Geschenke tragen eine gewisse Symbolik in sich, wie Informationsmedien. Sie können vermitteln, wie großzügig oder geizig ich bin, wie ich dich als EmpfängerIn sehe und wie ich unsere Beziehung einschätze. Tatsächlich scheint dieser symbolische Wert entscheidend zu sein für die Beschenkten.

Alles Typsache

Oh je, mir wird klar: Schenken ist nicht nur heikel, es umfasst auch viele ineinanderlaufende Prozesse. Dabei bereitet es mir eigentlich solche Freude, lange das Geburtstagsgeschenk meines Mannes zu planen oder die vielen kleinen Freuden in die Säckchen der Adventskalender für die Kinder zu packen. Zum Schenken geboren scheinen nicht alle Menschen zu sein, erklärt Bernd Stauss. Bestimmte Persönlichkeitseigenschaften der GeberInnen haben entscheidenden Einfluss, in welcher Weise wir zur Freude beim Schenken fähig sind.

Da ist der empathische Mensch auf der einen Seite, der vor allem die Freude der EmpfängerIn maximieren möchte. Dieser GeberIn zeigt stark beziehungsorientierte Werte, schenkt häufiger und gibt sich dabei mehr Mühe.

Auf der anderen Seite steht der egoistische Mensch, der in erster Linie an die Maximierung der eigenen Freude denkt. Er wird eher Geschenkenormen verletzen, seine eigene finanzielle Überlegenheit zeigen oder seinen (vermeintlich) überlegenen Geschmack.

Reziprozitätsregel

Rund um‘s Schenken gibt es auch Tabus- etwa zu einem Geburtstag oder an Heiligabend mit leeren Händen zu erscheinen. Schon kleine Kinder werden ermutigt, für andere zu basteln oder ein Bild zu malen. Wenn ich also zu meinen Söhnen sage, sie sollen dem Nikolaus (in unserem Fall die Oma) bitte noch ein Bild als Dankeschön malen, wachsen sie bereits mit dem Wissen auf, dass zu jedem Geschenk ein Gegengeschenk gehört. Der wissenschaftliche Begriff dieser Norm ist „Reziprozitätsregel“. Diese Regel besagt, dass sich die EmpfängerIn eines Geschenks mit der Annahme des Geschenks in eine Art Schuldverhältnis begibt. Dieses bleibt so lange bestehen, bis ein Gegengeschenk erwidert wurde. Andererseits, schreibt Bernd Stauss, wäre es ein großer Affront, ein Geschenk nicht anzunehmen- aus welchen Gründen auch immer.

Die Ausnahme bestätigt die Regel- so auch im Falle der Reziprozitätsregel. Sie verliert ihre Bedeutung, sofern das Geschenk ohne jeden Eigennutz, selbstlos und ohne Erwartung eines Gegengeschenks gemacht wird. Und seien wir mal ganz ehrlich, ein Geschenk, das mir zeigt, dass ich geliebt werde in all meiner Einzigartigkeit, ist doch ohnehin das Schönste!

Nützliche Geschenke – ja oder nein?

Kann ein nützliches Geschenk zeigen, dass ich meinem Gegenüber Freude bereiten möchte? Oder ist ein Nutzgegenstand eben immer genau dies: etwas Sinnvolles, aber nicht mehr? Schwierig, meint Bernd Stauss, der Gaben mit hohem Gebrauchswert eher nur zu bestimmten Anlässen wie einer Hochzeit oder zur Geburt empfiehlt. Eine Ausnahme gibt es auch hier, etwa wenn das Geschenk einen aktuellen Bedarf der EmpfängerIn decken soll wie eine Tasche für die neue Kamera oder ein wichtiges Utensil für die Ausübung eines Hobbies.

Belks perfektes Geschenk

Selten liegen Freude und Frust so nah beieinander wie in dem Moment des Geschenke-Auspackens und das auf beiden Seiten. Geschenke beeinflussen zwischenmenschliche Beziehungen schon immer und das überall auf der Welt. In jeder Kultur gibt es unterschiedliche gesellschaftliche Umgangsformen. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Russell W. Belk hat jedoch Normen aufgestellt, die allgemeingültig sein dürften.

Das perfekte Geschenk nach Belk vereint Einfühlungsvermögen, Überraschung und Mühe. GeberInnen sollten sich in die EmpfängerInnen hineinversetzen und sich vorstellen, wie sie im Moment der Geschenkübergabe reagieren werden. Mit dem Moment der Überraschung wird die zweite Norm erfüllt. Das kann etwa bedeuten, nicht wie jedes Jahr eine Krawatte oder ein weiteres Teil für die Sammlung an Porzellanfröschen zu verschenken. Wenn dann noch erkennbar Mühe in das Schenken investiert wurde, rundet das das perfekte Geschenk ab.

Im Umkehrschluss wird es schwerlich gelingen, Menschen, die man kaum kennt, mit dem perfekten Geschenk zu beglücken. Vielleicht ist es genau diese Erkenntnis, die es braucht, um Druck herauszunehmen. Ich verschenke eine kleine Aufmerksamkeit, dafür aber mit Freude. Und wenn ich doch etwas für einen Menschen suche, der mir viel bedeutet, kann ich auf Belks Normen zurückgreifen.

Nun bin ich zwar immer noch auf der Suche nach Geschenken, aber um einige Erkenntnisse reicher. Geschenke begleiten uns unser Leben lang -in unterschiedlichen Rollen. Schenken nur des Anlasses willen ist auch nicht das Wahre und das Ergebnis sind oft unnütze Geschenke. Gerade explodieren wieder die Umsätze des Einzelhandels im Weihnachtsgeschäft und ich entscheide, ich muss kein Teil davon sein, um Weihnachten richtig feiern zu können. Eine Freude bereiten möchte ich meinen Liebsten dennoch und deshalb begebe ich mich jetzt auf die Suche nach einem perfekten Geschenk für alle, ganz individuell.

 

Informationen zu Buch und Autor:

Bernd Stauss                                                                                                                            Buch Bernd Stauss

 

 

Univ.-Prof. Dr. Dr. h. c. Bernd Stauss, geb. 1947 in Hamburg, ist em. Professor für Dienstleistungsmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann und schloss eine pädagogische Zusatzausbildung als Assessor des Handelslehramts ab. Anschließend war er Wissenschaftlicher Assistent und später Akademischer Rat am Lehrstuhl Markt und Konsum von Prof. Ursula Hansen an der Universität Hannover. Hier galt sein Forschungsinteresse dem Spannungsfeld von Marketing und Verbraucherpolitik (Dissertation zu “Verbraucherinteressen“ 1980) bzw. öffentlicher Verantwortung (Habilitation zu “Marketing öffentlicher Unternehmen“).

Nach der Übernahme von Lehrtätigkeiten an den Universitäten Göttingen, Flensburg und Innsbruck wurde Bernd Stauss 1989 auf den Lehrstuhl für Marketing an die neu gegründete Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Eichstätt nach Ingolstadt berufen. Im Jahre 1997 wechselte er auf den ersten deutschen Lehrstuhl für Dienstleistungsmanagement der gleichen Fakultät, den er bis zu seiner Emeritierung 2010 innehatte. Zwischenzeitlich lehnte er Rufe an die Universitäten Bremen und Hamburg ab. 2010 verlieh ihm die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock die Ehrendoktorwürde.

Bestellinformationen

Taschenbuch

ISBN: 978-3-662-63619-0

Preis: 14,99 

E-Book

ISBN: 978-3-662-63620-6

Preis: 9,99 €

Erschienen im Springer Verlag