Aktualisiert: 03.12.2025 | Lesezeit: 5 Minuten
Im Alltag bleiben oft nur wenige Minuten pro Patientenkontakt. Reicht das aus, damit wirklich alle wichtigen Punkte besprochen und verstanden werden können?
„Eine große europäische Studie zeigt, dass längere Gespräche meist mit besserer Kommunikation und höherer Patientenzufriedenheit verbunden sind. Im Durchschnitt dauern ärztliche Konsultationen laut Deveugele und Kolleg*innen (2002) zwischen 6,9 und 12,4 Minuten und je mehr Zeit Ärzte und Ärztinnen investieren, desto eher gelingt es ihnen, Vertrauen aufzubauen, Fragen zu klären und komplexe Themen verständlich zu erklären.“, erläutert Kommunikationsexpertin Lisa Holtmeier.
Bei der Patientenkommunikation kommt es allerdings nicht nur auf die Zeit an, sondern auch auf die Umsetzung. Wer den richtigen Rahmen schafft und Empathie zeigt, kann auch in wenigen Minuten Vertrauen aufbauen. „Zeitdruck gehört für viele Ärztinnen und Ärzte zum Alltag. Selbst in kurzer Zeit lässt sich eine Atmosphäre schaffen, in der Patientinnen und Patienten sich sicher und ernst genommen fühlen. Entscheidend ist nicht, wie viel Zeit wir haben, sondern wie wir sie nutzen.“, so Lisa Holtmeier.
Patientenkommunikation braucht einen guten Anfang
Wer nur begrenzt Zeit hat, sollte diese also bewusst für die Patientenkommunikation einsetzen. Der Anfang des Gesprächs ist dabei oft entscheidend, erklärt Lisa Holtmeier „Bereits in den ersten Sekunden entsteht der kommunikative „Rahmen“. Eine offene Körperhaltung, Blickkontakt und eine kurze, persönliche Begrüßung signalisieren: „Ich bin jetzt ganz bei Ihnen.“ Diese Haltung reduziert Stress auf beiden Seiten. Eine Studie zeigte, dass bereits rund 40 Sekunden gezielter Empathie messbar Angst und Belastung senken können. Es braucht also keine langen Gespräche, sondern bewusste Momente echter Aufmerksamkeit.“
Damit das gelingt, sollten Sie vor jedem neuen Gespräch alle anderen Aufgaben abschließen oder für später zur Seite legen. Dabei können auch kleine Rituale helfen, zum Beispiel einmal tief einatmen, sobald sich die Tür öffnet oder ein kurzer Blick aus dem Fenster, bevor der nächste Patient oder die nächste Patientin hereinkommt.
Fällt Ihnen der erste Kontakt schwer, könnte ein fester Begrüßungssatz helfen, um eine Verbindung aufzubauen. Ein ehrliches „Herr Müller, schön Sie zu sehen“ oder „Frau Meyer, wie geht es Ihnen mit den neuen Medikamenten?“, öffnet den Raum für ein offenes Gespräch.
Lisa Holtmeier dazu: „Ein kurzer persönlicher Einstieg wirkt wie ein „Beziehungsanker“: Er signalisiert Verlässlichkeit, reduziert Ängste und stärkt die Bereitschaft, offen zu sprechen. Wenn wir diesen ersten Kontakt trotz Hektik bewusst gestalten, verbessert sich nicht nur die Kommunikation – sondern oft auch der gesamte Behandlungserfolg.“
Aufmerksamkeit ist der Schlüssel für eine gute Patientenkommunikation
Ist das Gespräch einmal gestartet, ist Zuhören wichtig. Nehmen Sie das Gesagte auf und zeigen Sie durch wertfreie Nachfragen, dass Sie verstanden haben, was gesagt wurde. Dabei sollten Sie dem Patienten oder der Patientin Ihre volle Aufmerksamkeit widmen. Denn selbst wenn Sie zuhören und nebenbei tippen können, geben Sie Ihrem Gegenüber so das Gefühl, nicht bei der Sache zu sein. Machen Sie nebenbei keine Notizen oder suchen nach Antworten auf Ihrem Bildschirm. Blicken Sie den Patienten oder die Patientin direkt an und nehmen Sie sich einige Minute ausschließlich für das Patientengespräch. Lisa Holtmeier fasst das so zusammen:
„Praktisch heißt das: kurze Pausen zulassen, Blick vom Monitor lösen, Gesagtes kurz zusammenfassen („Habe ich Sie richtig verstanden, dass …?“). Wenn Patient*innen merken, dass sie sich äußern dürfen, ohne bewertet zu werden, öffnen sie sich auch für kritische Fragen und genau dann wird Kommunikation heilsam, selbst unter Zeitdruck.“
Trotz Stress empathisch bleiben
Mit einem vollen Kopf Verständnis für die Anliegen anderer zu haben, ist eine große Herausforderung. Gerade in der Arztpraxis ist Empathie aber besonders wichtig, so Lisa Holtmeier: „Dass Empathie wirkt, ist inzwischen gut belegt: Eine Studie von Del Canale et al. (2012) konnte zeigen, dass Patientinnen und Patienten von Ärzten und Ärztinnen mit hohem Empathievermögen weniger akute Komplikationen aufwiesen und bessere klinische Verläufe hatten. Es ist also nicht nur nett gemeint, sondern medizinisch relevant, sich einen Moment Zeit für den Menschen hinter der Diagnose zu nehmen.“
Für empathische Patientengespräche hilft es nicht nur, den eigenen Stress zu verringern. Auch Erwachsene können Empathie noch gezielt verbessern, zum Beispiel mit:
- Perspektivwechsel trainieren, zum Beispiel „Wie würde es mir in dieser Situation gehen?“ oder Geschichten, Bücher und Filme aus anderen Perspektiven
- aktives Zuhören, zum Beispiel durch ausreden lassen, paraphrasieren (Gesagtes in eigenen Worten wiederholen), Gefühle benennen (Sie fühlen sich also überlastet?)
- eigene Selbstregulation stärken, zum Beispiel mit einem Gefühlstagebuch oder Atemübungen
Einen Rahmen für das Gespräch finden
Mit den oben genannten Tipps legen Sie die Grundlage für ein gutes Patientengespräch. Der Zeitdruck so effizient wie möglich zu sein, bleibt aber natürlich. Damit Sie sich also nicht verzetteln und gesprächige Patienten und Patientinnen wieder einfangen können, braucht es einen klaren Gesprächsrahmen. Kommunikationsexpertin Lisa Holmeier meint dazu: „Ein Gespräch wirkt selten deshalb „schnell“, weil es kurz ist, sondern weil es unpersönlich wirkt. Selbst wenn nur wenige Minuten bleiben, lässt sich das verändern, indem ich klar strukturiere und gleichzeitig präsent bleibe.“
Statt wichtige Verbindung aufbauende Elemente, wie eine persönliche Begrüßung oder offene Fragen wegzulassen, sollten Sie sich deshalb lieber einen eigenen Leitfaden erstellen, an dem sie sich im Gespräch orientieren können. So könnte ein solcher Patientengesprächsrahmen für Sie aussehen.
Quellen:
- Consultation length in general practice: cross sectional study in six European countries: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12202329/, aufgerufen am 28.11.2025
- Can 40 seconds of compassion reduce patient anxiety?: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10458256/, aufgerufen am 28.11.2025
- The relationship between physician empathy and disease complications: an empirical study of primary care physicians and their diabetic patients in Parma, Italy: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22836852/, aufgerufen am 28.11.2025
- „Jede Person kann lernen, mehr oder weniger empathisch zu sein“: https://www.uni-wuerzburg.de/aktuelles/einblick/single/news/empathisch-sein-lernen/, aufgerufen am 28.11.2025
- Auch Erwachsene können noch Empathie lernen: https://www.wissenschaft.de/gesellschaft-psychologie/auch-erwachsene-koennen-noch-empathie-lernen/, aufgerufen am 28.11.2025
- Building Empathy into the Structure of Health Care: https://learn.hms.harvard.edu/insights/all-insights/building-empathy-structure-health-care, aufgerufen am 28.11.2025
- Das gute Patientengespräch: Ärztekammer überarbeitet Kommunikationsleitfaden: https://www.bundesaerztekammer.de/presse/aktuelles/detail/das-gute-patientengespraech-aerztekammer-ueberarbeitet-kommunikationsleitfaden, aufgerufen am 28.11.2025
- Kommunikation: Fünf Tipps für ein gelungenes Patientengespräch: https://www.aerzteblatt.de/archiv/kommunikation-fuenf-tipps-fuer-ein-gelungenes-patientengespraech-edd21e4e-a15f-4058-9050-5507b360c269, aufgerufen am 28.11.2025
- Leitfaden zur patientenorientierten Arzt-Patienten-Kommunikation: https://www.germanistik.hhu.de/fileadmin/redaktion/Fakultaeten/Philosophische_Fakultaet/Germanistik/Germanistische_Sprachwissenschaft/Dateien/Bechmann/Leitfaden_zur_a__rztlichen_Gespra__chsfu__hrung.pdf, aufgerufen am 28.11.2025
