Aktualisiert: 02.07.2026 | Lesezeit: 6 Minuten
Mehr als ein Drittel der Erwerbstätigen in Deutschland lebt mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung. Auch bei Ihnen könnte also ein(e) Mitarbeiter:in davon betroffen sein, vielleicht sogar ohne, dass Sie davon wissen. Doch was können Sie tun, dass er oder sie sich ins Team einfügt und offen über Wünsche und Bedürfnisse sprechen kann?
Das hat Prof. Dr. Mathilde Niehaus von der Uni Köln zumindest teilweise herausgefunden. Für ihr Forschungsprojekt Amichro wollte sie wissen: Warum gehen chronisch erkrankte Arbeitnehmer:innen zur Arbeit, auch wenn sie sich krank fühlen? Und wann entscheiden sie sich gegen diesen Präsentismus?
Mit uns hat Prof. Niehaus über ihre Ergebnisse und über die Bedürfnisse von chronisch erkrankten Mitarbeiter:innen insbesondere im Gesundheitswesen gesprochen.
Chronisch kranke Mitarbeiter:innen: Worauf sollten Sie besonders achten?
ÄRZTE.DE: Als Arbeitgeber:in kann es eine Herausforderung sein, chronisch erkrankte Mitarbeiter:innen zu beschäftigen. Worauf sollten sie dabei besonders achten?
Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Ganz gleich, ob kleines Start-up oder großes Unternehmen, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dort bereits Menschen mit nicht sichtbaren chronischen Erkrankungen arbeiten.
Entscheidend ist, einen Rahmen zu schaffen, der gesundheitliche Besonderheiten berücksichtigt. Dabei gilt: gestalten statt reagieren. Eine gesundheitsförderliche Unternehmenskultur entsteht, wenn eine Präsenzkultur durch eine Vertrauenskultur ersetzt wird, in der Probleme offen angesprochen werden können.
Führungskräfte sind Gestalter:innen dieses Balanceakts. Indem sie Achtsamkeit, Offenheit und Flexibilität fördern, leisten sie einen entscheidenden Beitrag dazu, dass chronisch erkrankte Mitarbeitende ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit langfristig erhalten können. Oft machen bereits einfache Maßnahmen wie ergonomische Arbeitsplatzanpassungen oder die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten einen großen Unterschied, da so die körperliche Belastung reduziert wird und Pausen individueller an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden können.
ÄRZTE.DE: Sind Sie bei Ihren Untersuchungen auch auf Dinge gestoßen, die besonders die Arbeit im Gesundheitswesen betreffen?
Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Einen speziellen Fokus auf den Gesundheitsbereich haben wir im Rahmen unserer Untersuchung nicht gelegt.
Unsere Ergebnisse lassen sich aber durchaus auf diesen Bereich übertragen. Zu den häufigsten Gründen für Präsentismus zählen die Sorge, Kollegen und Kolleginnen zusätzlich zu belasten, sowie fehlende Vertretungsmöglichkeiten. Gerade im Gesundheitsbereich, also in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder Arztpraxen, wo eine hohe Arbeitsdichte, hoher Verantwortungsdruck und Personalmangel zusammenkommen, ist die Gefahr für Präsentismus, also das Arbeiten trotz Krankheitssymptomen, besonders hoch.
Präsentismus erhöht die Ansteckungsgefahr für Patienten und Patientinnen, verlängert den eigenen Krankheitsverlauf und steigert die Wahrscheinlichkeit für Fehler, was in einem so sensiblen Bereich ernste Konsequenzen haben kann.
Verlässliche Vertretungsregelungen und eine Führungskultur, die Präsentismus verhindern helfen, sind deshalb gerade im Gesundheitswesen von großer Bedeutung.
Was können Sie vorbeugend tun?
ÄRZTE.DE: Was können Praxisinhaber:innen und Vorgesetzte vorbeugend tun, damit sich chronisch erkrankte Mitarbeiter:innen trauen, offen über ihre Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen?
Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Führungskräfte tragen beim Thema Gesundheit eine doppelte Verantwortung: Sie sind Vorbilder im Umgang mit der eigenen Gesundheit und gestalten zugleich das Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Leistungsanforderungen.
Die Kommunikation über chronische Erkrankungen ist sensibel und erfordert klare Leitplanken. Hier ist es wichtig, eine offene und sichere Kommunikationskultur zu fördern ohne Offenlegungsdruck zu erzeugen. Unsere Handlungshilfe gibt hier Hilfestellung.
Führungskräfte müssen diese Herausforderungen aber nicht alleine tragen. Inner- und außerbetrieblich gibt es Anlaufstellen, vom betriebsärztlichen Dienst über Inklusionsbeauftragte bis hin zur Personalabteilung, die hilft arbeitsrechtliche und organisatorische Fragen zu klären. Letztere unterstützt am besten, indem sie die Offenheit für gesundheitliche Themen stärkt, regelmäßige, wertschätzende Gesprächsformate fördert, Führungskräfte für sensible Kommunikation qualifiziert und sicherstellt, dass keine unfreiwillige Offenlegung erfolgt.
Praxisinhaber:innen verfügen häufig nicht über solche internen Strukturen, erhalten jedoch Hilfe bei Inklusionsämtern, der Bundesagentur für Arbeit, der Deutschen Rentenversicherung oder Informationsplattformen, wie REHADAT. Diese Anlaufstellen beraten bei Fragen der beruflichen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen.
Wie schaffen Sie offene Kommunikation?
ÄRZTE.DE: Und was hilft, wenn Praxisinhaber:innen oder Vorgesetzte merken, dass chronisch erkrankte Mitarbeiter:innen zur Arbeit kommen, obwohl sie sich krank fühlen?
Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Manchmal kann Arbeit stabilisierend wirken - sie gibt Struktur, soziale Einbindung und Sinn. Das kann von den Betroffenen positiv erlebt werden.
Vorgesetzte sollten jedoch klar vermitteln, dass Erholung legitim und erwünscht ist. Sie fördern so langfristig Arbeitsfähigkeit und Vertrauen. Wichtig ist die Botschaft, dass Präsentismus Krankheitsverläufe verlängern und die Fehleranfälligkeit erhöhen kann, was letztlich auch die Produktivität vermindert. Darüber hinaus besteht – etwa bei Erkältungskrankheiten – eine erhöhte Ansteckungsgefahr für das Team. So können sie Mitarbeitende unterstützen, eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen.
ÄRZTE.DE: Wie sieht es mit der Führung des Teams aus: Gibt es konkrete Tipps, um eine gute und vertrauensvolle Basis zu schaffen, damit Mitarbeiter:innen, die sich krank fühlen, möglichst ohne schlechtes Gewissen zu Hause bleiben?
Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Führungskräfte sollten mit gutem Beispiel vorangehen und deutlich machen, dass niemand seine Gesundheit für die Arbeit aufs Spiel setzen muss. Klare Vertretungs- und Übergaberegelungen helfen hier einer Überlastung im Team vorzubeugen und verhindern, dass niemand das Gefühl hat, andere im Stich zu lassen, wenn er sich krank meldet
Auch Kollegen und Kolleginnen haben Einfluss darauf, wie Menschen mit chronischer Erkrankung ihre Arbeit erleben. Wenn sie Rücksicht nehmen, Krankheitssignale wahrnehmen und offen miteinander sprechen und einander unterstützen, tragen sie entscheidend dazu bei, dass Arbeit für Menschen mit chronischer Erkrankung nicht zur zusätzlichen Belastung wird, sondern im besten Fall sogar eine Ressource bleibt.
Ausschlaggebend ist ein wertschätzendes Team-Klima, das gemeinsam von Kollegen und Kolleginnen, Führungskräften und ggf. auch von betrieblichen Interessenvertretungen gestaltet wird.
Chronisch erkrankte Mitarbeiter: Zwischen Diskriminierung und guter Leistung
ÄRZTE.DE: Haben Sie bei Ihrer Forschung sonst noch etwas herausgefunden, das Arbeitgeber:innen mit chronisch erkrankten Mitarbeiter:innen unbedingt wissen sollten?
Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Ja. Viele chronisch erkrankte Menschen sehen sich Vorurteilen ausgesetzt, die ihre soziale und berufliche Teilhabe erschweren.
Das ist besonders häufig der Fall, wenn die Erkrankung nicht sichtbar ist, wie bei 82 Prozent der Befragten in unserer Studie. Den Betroffenen wird dann häufig nicht geglaubt und sie werden mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden ihre Beschwerden nur vortäuschen oder übertreiben.
Für chronisch Kranke ist das oft besonders schlimm, denn Arbeit ist eine stabilisierende Ressource, die den Alltag strukturiert, soziale Kontakte ermöglicht und zur Identitätsbildung beiträgt. Darüber hinaus hilft sie vielen, die Krankheit auch für eine Weile auszublenden.
Gleichzeitig ist chronisch krank keinesfalls mit einer verminderten Leistungsfähigkeit gleichzusetzen – dieses Vorurteil führt jedoch häufig dazu, dass chronisch Kranke bereits im Bewerbungsprozess abgelehnt werden. Unsere Ergebnisse zeigen hier ein klares Bild: Die meisten Teilnehmenden konnten im letzten Monat die wichtigsten Aufgaben (81,1%) sowie standardmäßige Abläufe (76,9%) oft oder sehr oft gut erledigen und haben oft oder sehr oft dafür gesorgt, dass ihre Aufgaben ordnungsgemäß abgeschlossen wurden (82,3%).
