Kindliche Kompetenzen: Das sagt die Wissenschaft zur Entwicklung Ihres Kindes

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Fragt man Eltern, sind sie sich einig: Die Kinder werden zu schnell groß, aber mit dem Laufen, Sprechen oder Selbstständig-Werden geht es zu langsam. Den Weg vom vermeintlich unfähigen Neugeborenen zum selbstbewussten Vorschulkind zu begleiten, kann herausfordernd sein. Dennoch gibt es wohl wenig, was so spannend ist, wie ein Baby beim Großwerden zu beobachten. Das findet auch Arnold Lohaus. Er ist Professor für Entwicklungspsychologie, beschäftigt sich also täglich mit großen und kleinen Dingen, die Kinder lernen – und das auch ganz praktisch.

Buchcover Kindliche Kompetenzen Arnold LohausDenn viele Schlussfolgerungen der Entwicklungspsychologie können Eltern selbst an ihren Kindern beobachten. Das ist zumindest die These seines Buches Kindliche Kompetenzen aus dem Springer Verlag. Es richtet sich vornehmlich an Eltern mit Kindern zwischen 0 und 5 Jahren. Einzelne Kapitel beschreiben, wie die Entwicklung in einem bestimmten Bereich vonstattengeht, wie Eltern diese erkennen können und was daraus geschlussfolgert werden kann.

Prof Arnold Lohaus wählt dabei einen ganz anderen Ton als viele der Bücher zur Entwicklung von Babys und Kleinkindern. Bei ihm geht es nicht nur um Meilensteine, sondern auch um den wissenschaftlichen Hintrgrund. Er gibt Hinweise, welche Kompetenzen Eltern bei ihren Kindern im Laufe der Entwicklung beobachten können, um ein Verständnis für das Erleben und Verhalten von kleinen Kindern zu wecken. Tipps, wie sie die Entwicklung fördern können, gibt es zwar auch, sie stehen aber nicht im Vordergrund. Stattdessen wirkt es, als müssten sie sich nur hinsetzen und die Kompetenzen ihrer Kinder beobachten. Ein schöner Gedanke, der dann doch nicht ganz richtig ist, wie er uns im Interview verraten hat.

ÄRZTE.DE: Es gibt viele Bücher über die Entwicklungsschritte von Babys und Kleinkindern für Eltern. Was macht Ihres anders?

Prof. Arnold Lohaus: Erstmal ist es die entwicklungs-psychologische Perspektive. Ich bin Entwicklungspsychologe und beschäftige mich deshalb weniger mit der körperlichen Entwicklung. Außerdem habe ich mich darauf fokussiert, was Eltern beobachten können. Sie können die Entwicklung ihres Kindes direkt im Alltag erleben und die einzelnen Schritte selbst nachvollziehen.

ÄRZTE.DE: Die meisten anderen Ratgeber gehen chronologisch vor. Ihr Buch arbeitet mit abgeschlossenen Kapiteln. Bedingt nicht oft eine Entwicklung die andere?

Prof. Arnold Lohaus: Auf jeden Fall. Ich glaube, das habe ich auch im Vorwort klar gemacht. Insgesamt umfasst Kindliche Kompetenzen 50 Themen. Diese sind auch nach Alter eingeteilt: das erste Lebensjahr, das zweite und dritte Lebensjahr sowie das vierte und fünfte Lebensjahr. Denn mit der Zeit kommen immer neue Themen dazu. Sekundäre Emotionen etwa, die aus den primären abgeleitet sind. Scham entwickelt sich zum Beispiel erst mit zwei bis drei Jahren. Davor wissen Kinder vielleicht gar nicht, wofür sie sich schämen sollten.

Dennoch wollte ich Schwerpunkte setzen. Oft gibt es Themen, die Eltern gerade besonders interessieren, die Bindung oder das Hören etwa. Sie können dann nachschlagen, was sie dazu beobachten können. Ich nenne aber auch Verbindungen und Querbezüge, denen sie folgen können.

ÄRZTE.DE: Was sollten Eltern über die Entwicklung Ihrer Kinder aus Sicht der Entwicklungspsychologie wissen?

Prof. Arnold Lohaus: Ich glaube, dass viele Eltern intuitiv wissen, was sie tun sollten. Auch wenn sie es dann nicht immer tun. Allein evolutionsbedingt müssen Erwachsene darauf vorbereitet sein, dass sie irgendwann mal Kinder haben. Diese Ansicht vertreten viele Experten und es gibt auch Hinweise darauf. Jeder passt zum Beispiel seine Sprache an, wenn er mit kleinen Kindern spricht. Die Stimme wird höher, wir wiederholen Silben. Sogar Kinder machen das; 5-jährige gegenüber einem Geschwisterkind etwa.

Wir sollten unserer Intuition vertrauen und sie auch nutzen. Daneben ist es hilfreich, ein Gefühl für Signale zu entwickeln. Viele Eltern fangen an, Dinge zu tun, die sie eigentlich gar nicht tun wollen.

ÄRZTE.DE: Experten kritisieren ja genau das. Eltern hätten heute zu hohe Erwartungen an kleine Kinder und würden zu viel vergleichen. Glauben Sie nicht, dass Ihr Buch diese Entwicklung ein Stück weit unterstützt?

Prof. Arnold Lohaus: In gewisser Weise vielleicht. Ich habe mich bemüht, herauszustellen, was Eltern beobachten können. Wenn sie mehr über die Emotionen und Reflexe Ihres Kindes wissen, können sie auch besser darauf eingehen. Sie erschrecken etwa nicht, wenn sich der Moro-Reflex das erste Mal zeigt. Mit Was folgt daraus gebe ich am Ende des Abschnittes natürlich auch Ratschläge. Die stehen aber mehr am Rande. Mein Buch soll kein typischer Ratgeber sein und ich glaube, das ist mir auch geglückt.

ÄRZTE.DE: Viele kindliche Kompetenzen entwickeln sich ganz von selbst. Im Abschnitt über Grobmotorik schreiben Sie etwa, dass Kinder, die besonders früh oder spät Laufen lernen, nach wenigen Monaten die gleichen Fähigkeiten haben. Müssen Eltern überhaupt etwas für die Entwicklung tun oder können sie einfach abwarten?

Prof. Arnold Lohaus: Ein Kind, das gar nicht gefördert wird, wird vernachlässigt. Gleichzeitig können Eltern es aber auch schnell überfordern. Das ist ein schwieriger Balanceakt. Deshalb sollten Eltern ihr Kind genau beobachten. Sie müssen ein Gefühl dafür bekommen, was passt und was nicht. Dasselbe gilt ja für Stress bei Kindern, ein weiteres Thema, mit dem ich mich beschäftige. Stress kann schädlich sein, ganz ohne geht es aber auch nicht. Wichtig ist, zu gucken, wie das Gegenüber reagiert und Überforderungssignale zu erkennen.

ÄRZTE.DE: Dennoch ist der Druck nach einer altersgerechten Entwicklung ja da. Was raten Sie Eltern, wenn sie einen oder mehrere der Entwicklungsschritte bei Ihrem Kind nicht beobachten können?

Prof. Arnold Lohaus: Wenn Eltern merken, dass es bei Themen wie Motorik oder Sprachentwicklung Defizite gibt, sollten sie sich in jedem Fall professionelle Hilfe suchen. Je früher das Kind gefördert wird, desto besser kann die Entwicklung ausgeglichen werden.

Unterstützung ist auch für die Eltern selbst wichtig, bei tage- oder monatelangem exzessivem Weinen zum Beispiel. Die Entlastung ist oft entscheidend, bevor sie zu Praktiken greifen, die sie wirklich nicht einsetzen möchten. Professionelle Hilfe ist genau für solche Situationen da und sollte auch in Anspruch genommen werden.

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