Die Darmflora besteht aus Millionen von Bakterien, die noch genauer erforscht werden müssen. - ©Robert Kneschke stock.adobe.com
Dipl. - Med. Olga Beckmann

Dipl. - Med. Olga Beckmann

Fachärztin für Allgemeinmedizin

Klassische Schulmedizin und ärztlicher Komplementärmedizin gehören für Olga Beckmann zusammen. Mit ihrer Kombination möchte sie die körpereigenen Abwehrkräfte stärken und so wieder Wohlbefinden erreichen.

Die Darmflora besteht aus Millionen von Bakterien, die noch genauer erforscht werden müssen. - ©Robert Kneschke stock.adobe.com

Mikrobiom: Was wissen wir über unsere Darmbakterien?

Seit etwa zehn Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft immer mehr mit unseren Darmbakterien. Zeitungsartikel, Ratgeber und ganze Bücher geben uns Tipps, wie wir das sogenannte Mikrobiom am besten stärken. Doch was wissen wir eigentlich wirklich? ÄRZTE.DE EXPERTIN Olga Beckmann gibt einen ersten Überblick.

Die Darmflora, auch Mikrobiom genannt, ist ein oft unterschätzter Gesundheitsfaktor. In einem guten Zustand übernimmt sie viele wichtige Aufgaben. Sie zersetzt unverdaute Nahrungsbestandteile, unterstützt bei der Energiegewinnung, produziert wichtige Vitamine und stimuliert das Immunsystem. Außerdem vermuten wir, dass das Mikrobiom chronischen Krankheiten und Darmkrebs vorbeugen kann.

Der Aufbau unserer Darmflora

Dabei wissen wir, dass die Zusammensetzung der Darmflora sehr unterschiedlich sein kann. Untersuchungen haben etwa gezeigt, dass die Vielfalt der Mikroorganismen bei Naturvölkern in intakten Ökosystemen doppelt so hoch ist wie bei US-Amerikanern. Unsere Lebensweise scheint das Mikrobiom in unserem Darm zu beeinflussen. Die Ursache könnten zum Beispiel der Einsatz von Antibiotika sein, die auch den guten Bakterien schaden, industriell erzeugte Lebensmittel, die oft mit Umweltgiften belastet sein können sowie Süßstoffe und Alkohol.

Hinzu kommt, dass sich die Darmflora erst nach der Geburt bildet. Wir kommen mit einem sterilen Darm auf die Welt und nehmen die wichtigen Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten erst nach und nach auf. Bis zum ersten Lebensjahr bilden Kinder ein individuelles Profil, etwa indem sie die Mikroorganismen der Mutter aufnehmen. Nach und nach gleicht es sich dem von Erwachsenen an.

Das Mikrobiom stärken

Präventive Maßnahmen können helfen, die Darmflora zu stärken. Dazu gehört vor allem eine abwechslungsreiche, überwiegend vegetarische Kost. Zusätzlich unterstützen kann eine tägliche Trinkmenge von zwei bis drei Litern. Auch die Vorbeugung und Therapie mit Probiotika hat sich bewährt, um unerwünschte Keime aus der Darmflora zu verdrängen.

Die guten Bakterien sind dabei von einer Schutzschicht ummantelt, sodass sie unbeschadet von der Magensäure in den Darm gelangen können. Dort löst sich diese auf und die Mikroorganismen können sich ansiedeln. Eine solche Therapie empfiehlt sich insbesondere nach der Einnahme von Antibiotika. Mitunter kann die Behandlung von Störungen der Darmflora sehr langwierig sein. Kurzfristige Maßnahmen führen meist zu keinen dauerhaften Ergebnissen. Deshalb raten wir dazu, schon vorbeugend tätig zu werden.

Diagnose einer Störung der Darmflora

Gerät das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht, bemerken wir das zunächst nicht. Oft weisen erst andere Erkrankungen auf die Störung der Darmflora hin. So kann sie zum Beispiel Übergewicht, Diabetes oder Morbus Crohn begünstigen. Auch bei Darmkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und rheumatischer Arthritis konnte ein Zusammenhang mit dem Mikrobiom festgestellt werden.

Um die Störung eindeutig zu diagnostizieren, ist eine Stuhlprobe nötig. Diese wird molekulargenetisch analysiert, um die Vielfalt und Zusammensetzung der Darmflora zu prüfen. Je nach individueller Situation können wir dann therapeutische Maßnahmen besprechen. In der Regel müssen diese allerdings langfristig umgesetzt werden, um das Mikrobiom dauerhaft zu unterstützen.

Das Mikrobiom und das Gehirn

Lange Zeit gingen wir davon aus, dass Darm und Gehirn völlig unabhängig voneinander sind. Inzwischen gibt es aber immer mehr Untersuchungen, die beweisen: Die beiden unterschiedlichen Organe beeinflussen sich. Die „Darm-Hirn-Achse“ ist damit ein populäres Thema geworden, an dem intensiv geforscht wird.

Auch Pharmaunternehmen beteiligen sich und bieten bereits Präparate an, die etwa unsere Stimmung über den Darm beeinflussen sollen. Ob diese wirklich etwas bewirken, konnten die Forscher noch nicht herausfinden. Es gibt aber bereits einige interessante Thesen, die in den nächsten Jahren noch weiterverfolgt werden sollten.

1. These: Die Darmflora beeinflusst die Gehirnentwicklung

Erste Untersuchungen mit Mäusen und auch die Beobachtung von Neugeborenen legen nahe, dass die Darmflora tatsächlich direkt Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns nimmt. So entwickeln sich die Gehirne von Mäusen etwa anders, wenn sie weniger Lactobacilli aufnehmen. Zudem gibt es Hinweise, dass das Mikrobiom während eines bestimmten Zeitfensters besonders entscheidend für die Gehirnentwicklung ist. Weitere Versuche mit keimfrei gehaltenen Zebrafischen, bei deren transparenten Embryos die Entwicklung genau beobachtet werden kann, sollen neue Erkenntnisse bringen.

2. These: Das Mikrobiom beeinflusst mit psychischen und neurologischen Störungen

Aus Untersuchungen wissen wir, dass die Darmflora bei einigen Patienten mit Schizophrenie, Autismus, Depressionen oder Angststörungen anders aufgebaut ist, als bei Nicht-Betroffenen. Sie scheint also mit psychischen und neurologischen Störungen in Verbindung zu stehen. Bisher stellt sich allerdings die Frage, ob die Darmbakterien ein Auslöser oder Verstärker sind oder sie sich vielleicht durch die Erkrankungen verändern.
Erste Studien mit Mäusen zeigen, dass ängstliche Tiere mutiger werden, nachdem ihnen die Darmflora von abenteuerlustigen Artgenossen implantiert wurden. Das stärkt die These, dass die Darmbakterien unser Verhalten und damit auch psychische und neurologische Störungen beeinflussen könnten.

3. These: Die Darmflora beeinflusst unser Stressempfinden

In der ganzheitlichen Medizin beschäftigen wir uns schon lange mit dem Einfluss von Stress auf unseren Darm. Denn in Gefahrensituationen wird die Durchblutung der Verdauungsorgane gehemmt, um Energie für eine mögliche Flucht herauszustellen. Im Umkehrschluss setzten wir Probiotika ein, um die Stresssignale zu behandeln. Mit neuesten Forschungen wollen Wissenschaftler diesem komplexen System auf den Grund gehen und herausfinden, wie die Darmflora mithilfe von Hormonen, Immunmolekülen und ihren eigenen Bestandteilen Einfluss auf unser Stressempfinden nimmt.

4. These: Der Darm kommuniziert ähnlich wie das Gehirn

Neueste Forschungsergebnisse festigen das Bild des Darms als zweites Gehirn in unserem Körper. So konnten Wissenschaftler herausfinden, dass Darmbakterien durch den Abbau von Kohlenhydraten auch die Stärke der Blut-Hirn-Schranke festigen können. Zudem beeinflusst die Darmflora den Neurotransmitterspiegel. An der Dickdarmwand unterstützen die Bakterien etwa die Serotoninproduktion, ein Botenstoff, der weitere Vorgänge im Gehirn beeinflusst.

Fazit zu unserem Mikrobiom

Auch wenn die Forschung bereits weit fortgeschritten ist, bis es fundierte Erkenntnisse zum Mikrobiom und seinen Auswirkungen gibt, ist es noch ein langer Weg. Viele der Bakterien, Pilze oder Parasiten in unserem Darm sind noch unerforscht oder waren bisher gar nicht bekannt. Trotzdem können wir die bisherigen Erkenntnisse in der ganzheitlichen und alternativen Medizin nutzen, um Beschwerden genauer zu ergründen und wenn möglich zu lindern. Untersuchungen des Mikrobioms, probiotische Therapien und Stuhltransplantationen konnten schon häufig erfolgreich eingesetzt werden und gehören zu einem umfassenden Behandlungsplan dazu.