Vorhofflimmern ist die häufigste Ursache für einen Schlaganfall. ©thodonal - stock.adobe.com
Prof. Dr. med. Christian-Friedrich Vahl

Prof. Dr. med. Christian-Friedrich Vahl

Facharzt für Herzchirurgie, Hausarzt

Prof. Dr. med. Vahl ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, darunter „Gegen den Schlaganfall“ im Grupello-Verlag. Außerdem hat er Grundlagenforschung zur mathematischen Modellierung und zum Vorhofflimmern durchgeführt. Er ist Begründer der "Nachtvorlesung" an der Unimedizin Mainz, wovon einige Veranstaltungen auf Youtube einsehbar sind

Vorhofflimmern ist die häufigste Ursache für einen Schlaganfall. ©thodonal - stock.adobe.com

Die Schlaganfall-Risiko-Analyse: Eine wichtige Präventionsmaßnahme

Die Schlaganfall -Risiko-Analyse (SRA) ist ein innovatives computergestütztes Hightech-Verfahren zur Früherkennung und Abschätzung eines Schlaganfall-Risikos (Stroke-Risk-Analyzer). Sie gehört heute zu einer der wichtigsten Präventionsmaßnahmen, um Schlaganfälle einzudämmen. Anders als herkömmliche Verfahren können bei ihr auch vergangene oder zukünftige Anzeichen in die Untersuchungsergebnisse miteinbezogen werden.

Die Auslöser eines Schlaganfalls

Ursächlich für einen Schlaganfall ist eine Minderdurchblutung des Gehirns oder eine Blutung im Gehirn. Die mit großem Abstand wichtigste Ursache des Schlaganfalles sind Rhythmusstörungen des Herzens. Dabei steht das sogenannte „Vorhofflimmern“ an erster Stelle.

Normalerweise zeigen die Vorkammern des Herzens (Vorhöfe) geordnete Bewegungen. Zuerst arbeiten die Vorhöfe und transportieren das Blut in die Kammern, danach pumpen die mit Blut gefüllten Herzkammern das Blut in den Kreislauf. Bei Auftreten von Vorhofflimmern findet keine geordnete Pumptätigkeit der Vorhöfe mehr statt. Jede Muskelfaser im Vorhof des Herzens macht dann sozusagen, was sie will. An einigen Stellen kommt damit die Vorhofwand zum Stehen. Das kann zu einer spürbaren Leistungseinschränkung gerade unter Belastungsbedingungen führen. Entscheidend ist aber, dass sich an den Stellen des Vorhofes, die sich nicht mehr bewegen, Blutgerinnsel ablagern können. Dieses kann schon nach 6 Stunden Vorhofflimmern der Fall sein.

Wenn sich dieses Blutgerinnsel (oder ein Teil davon) von der Vorhofwand löst, kann es mit dem Blutstrom in das Gehirn transportiert werden. Dieses Gerinnsel nennt man dann Embolus. Wenn dieser Embolus ein Blutgefäß verstopft, spricht man von einer Embolie.

Wenn der Embolus im Gehirn ankommt und ein Blutgefäß verstopft, löst er sofort eine Durchblutungsstörung aus, die sich als Schlaganfall bemerkbar macht. In circa 20 % der Fälle führt der Schlaganfall zum Tod.

Die Schlaganfall-Risiko-Analyse: Vorhofflimmern frühzeitig erkennen

Da das Vorhofflimmern die Hauptursache dieser Schlaganfälle ist, wurde aufwendige Forschungsarbeit investiert, um das Schlaganfall-Risiko abzuschätzen. Das Problem am Vorhofflimmern ist, dass es eine verborgene Erkrankung ist. Viele Patienten bemerken zwischenzeitliche Perioden von Vorhofflimmern nicht. Schwitzen, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Leistungsminderung, spürbares Herzstolpern können Symptome sein. Wenn das Vorhofflimmern im Schlaf kommt, bleibt es meist unbemerkt. Es ist zum Beispiel bekannt, dass selbst bei Jugendlichen, etwa nach Alkoholgenuß oder nach Extremsport, Vorhofflimmern auftreten kann. Der Begriff „Holiday Heart Syndrom“ beschreibt diese Pathologie.

Als Verfahren zur Risikoabschätzung stand bisher nur das Langzeit-EKG zur Verfügung. Dieses beschreibt aber nur das, was in dem Aufzeichnungsintervall (zum Beispiel 24 Stunden) passiert ist. Es ist blind für die Vergangenheit und erlaubt keinen Blick in die Zukunft. Nur wenn im 24 -Stunden- EKG Vorhofflimmern auftrat, konnte man dieses beschreiben. Für prognostische Aussagen ist das 24- Stunden- EKG aber ungeeignet, sodass die Treffsicherheit dieses Verfahrens bei vielen Patienten zu gering ist. Mit der SRA-Analyse wurde ein Instrument entwickelt, das auf der Grundlage eines über eine Stunde hinweg aufgezeichneten EKGs aufgrund komplexer mathematischer, computerunterstützter Verfahren und Analysen diese Vorhersagekraft erlaubt.

Für die SRA erfolgt die Aufzeichnung des EKGs über eine Stunde. Nach komplexer mathematischer Transformation der EKG-Daten, die sich auf im Millisekunden-Bereich aufgezeichnete Zeitwerte des EKGs und deren Variabilität bezieht, gibt es einen Algorithmus (ein spezielles Programm), das eine Aussage darüber erlaubt, ob in der Vergangenheit bereits Vorhofflimmern aufgetreten ist. Dazu werden moderne Instrumente wie nicht-lineare Verfahren, Mustererkennung in einem sechsdimensionalen Koordinaten-System verrechnet und als Lorenz-Plot dargestellt.

Nach kritischer Prüfung und Sichtung der mathematischen Datenanalyse sowie der grafischen Auswertung durch den Arzt bekommt der Patient eine von den folgenden sieben entscheidenden Informationen:

  • Es besteht der normale, stabile Sinusrhythmus (normaler Herzrhythmus)
  • Es gibt atriale Rhythmusstörungen (Vorhofrhythmusstörungen), aber kein Vorhofflimmern
  • Es ist eine genaue und erweiterte Überprüfung hinsichtlich des Auftretens von Vorhofflimmern erforderlich
  • Es wurden andere Rhythmusstörungen erkannt (Kammerrhythmusstörungen, die in der Regel eine weitere Abklärung erforderlich machen)
  • Es gibt signifikante Anzeichen für bereits bestehendes paroxysmales Vorhofflimmern (immer wieder unerkannt auftretende Perioden von Vorhofflimmern)
  • Es gibt bereits dokumentierte Perioden von Vorhofflimmern.

Wann soll die Schlaganfall-Risiko-Analyse durchgeführt werden?

Günther Theis fasst im Deutschen Ärzteblatt das Schlaganfallrisiko in zwei einfachen Kernsätzen zusammen:
„Von 4 Menschen, die älter sind als 40 Jahre, wird einer an Vorhofflimmern erkranken“ und „thromboembolische Schlaganfälle sind mit 88 % die wichtigste Ursache der Schlaganfälle“. Im Einklang damit leiten sich – auch aus der Literatur - folgende Kriterien zur Durchführung der SRA in Abhängigkeit von Risikogruppen ab:

  • Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)
  • Bluthochdruck (Hypertonus)
  • Übergewicht (Adipositas, das heißt ein Body-Mass -Index „BMI“ > 27)
  • Herzschwäche (Herzinsuffizienz)
  • Zustand nach Schlaganfall (Apoplex)
  • Schlafapnoe mit und ohne Heimbeatmung (SAS-Syndrom)
  • Alkoholabhängigkeit
  • Leistungssport (unabhängig vom Alter, Langstreckenläufer)

Die Schlaganfall-Risiko-Analyse – eine ärztliche Einordnung

Für die Schlaganfall-Risiko-Analyse wird nur eine Stunde lang ein spezielles EKG aufgezeichnet. Es ist das einzige derzeit verfügbare Verfahren, mit dem das bisher kaum zu erfassende, individuelle Risiko für einen Schlaganfall abgeschätzt werden kann. Es ist entscheidend, dass diese Methode nicht darauf angewiesen ist, dass im Beobachtungszeitraum tatsächlich Vorhofflimmern auftritt. Im Sinne einer personalisierten Medizin können bei positivem Befund geeignete therapeutische Maßnahmen abgeleitet werden. Die Methode wurde 2009 erstmals im Deutschen Ärzteblatt beschrieben und hat sich inzwischen als wichtiges prognostisches Instrument etabliert (Theis G.: Schlaganfallprävention: Vorhofflimmern als Risikofaktor erkennen. Dtsch. Ärzteblatt 2009; 106(18)26)

Das Schlaganfallrisiko erfordert aber immer den Blick auf den gesamten Patienten. Nicht nur, wenn in der Verwandtschaft eine Schlaganfall bekannt ist, gehört zu einer ärztlichen Diagnostik natürlich auch die umfassende Analyse hinsichtlich anderer Ursachen des Schlaganfalles (Blutgerinnungsstörungen, Tumorerkrankungen, Gefäßeinengungen, Herzklappenerkrankungen, Herzschwäche, Diabetes, Schlaf-Apnoe-Syndrom, Schilddrüsenerkrankungen, endokrinologische Erkrankungen, usw.).

Das Instrument der SRA  ist heute eines der wichtigsten Instrumente, diese verborgene Erkrankung einzudämmen. Gerade nach SRA ist eine symptomorientierte ärztliche Betreuung erforderlich, da auch ein für Vorhofflimmern typischer Lorenz-Plot nach den aktuellen Leitlinien nicht zu dem Automatismus führen darf, sogleich mit einer oralen Antikoagulation zu beginnen.

 

Der Autor hat eine auf Youtube einsehbare Nachtvorlesungsreihe zum Thema Schlaganfall an der Universitätsmedizin Mainz durchgeführt. Außerdem ist er Herausgeber des Buches „Gegen den Schlaganfall“, Grupello-Verlag, ISBN 978-3-89978-178-6, und des Buches „Die 10 tödlichsten Krankheiten“, Grupello-Verlag, ISBN 978-3-89978-344-5). Er hat im Sonderforschungsbereich „Rechner- und Sensorgestützte Chirurgie“ (SFB 414) Grundlagenforschung zur mathematischen Modellierung und zum Vorhofflimmern durchgeführt.

Buchcover "Gegen den Schlaganfall"Buchcover "Die 10 tödlichsten Krankheiten"

 

Literatur:

(Theis G: Schlaganfallprävention: Vorhofflimmern als Risikofaktor erkennen. Dtsch. Ärzteblatt 2009; 106(18)26

Lie Lian et al (2011), A simple method to detect atrial fibrillation using RR-Intervals, Am J cardiology 107: 1494-1497