Aktualisiert: 19.12.2025 | Lesezeit: 6 Minuten
Katharina Hingsammer berichtet offen über die Herausforderungen und Freuden in ihrem Leben als berufstätige Mutter.
| © Sonja Petrkowsky
Wie die Hindu Göttin Durga – bekannt für ihre vielen Arme - halten viele Mütter unterschiedliche Aufgaben, Verantwortungen und Erwartungen in den Händen. Für die eigene Gesundheit bleibt da oft kein Platz, vor allem wenn die Gesundheitsvorsorge über kurze Selfcare Momente und hastig geschluckte Nahrungsergänzungsmittel hinausgeht.
Katharina Hingsammer war als Unternehmerin schon vor der Geburt Ihres Kindes sehr eingespannt, als Mutter stand sie irgendwann vor der Erkenntnis: Ich habe mich selbst verloren. Seitdem berichtet sie immer wieder davon, wie wichtig ein authentisches Leben als Mutter ist. Wie Sie es geschafft hat, sich von den Erwartungen anderer und ihren eigenen zu lösen, erzählt sie auch in Ihrem Buch „Realtalk“.
Dazu zählt auch das Achten auf die eigene mentale Gesundheit. Wie Katharina Hingsammer hier einen guten Weg für sich gefunden hat und warum dazu auch das Aufgeben eines vermeintlich gesunden Lebensstils gehört, hat sie in unserem Interview erläutert.
Was tun Sie für Ihre Gesundheit?
ÄRZTE.DE: Sie sprechen viel über Ihre Belastungen als berufstätige Mutter. Finden Sie im Alltag Zeit, sich um Ihre eigene Gesundheit zu kümmern?
Katharina Hingsammer: Selten, aber immer öfter. Ich arbeite daran, sie mir zurückzuerobern. Früher dachte ich, Gesundheit bedeutet ausschließlich: Sport, grüne Säfte und Achtsamkeit. Heute weiß ich: Gesundheit ist manchmal auch einfach nur schlafen, Nein sagen oder fünf Minuten die Tür hinter sich zu machen.
ÄRZTE.DE: Wie sieht Ihre Gesundheitsfürsorge als Mutter aus?
Katharina Hingsammer: Ich lasse Dinge weg. Menschen, Termine, To-dos. Meine Version von Selfcare ist radikale Auslassung. Ich erlaube mir Pausen und lasse Unnötiges weg. Und natürlich auch Sport, mindestens 2x die Woche, und viel frische Luft mit meinem Kind.
Nicht alle Empfehlungen für ein gesundes Leben sind gut für Sie
ÄRZTE.DE: Die Erwartungen an ein gesundes Leben mit der entsprechenden Ernährung und Selbstfürsorge sind heute sehr hoch. Glauben Sie, das hat den Druck auf Mütter noch zusätzlich erhöht?
Katharina Hingsammer: Ja, total. Aus Selbstfürsorge ist eine neue Disziplin geworden, ein weiterer Punkt auf der Optimierungsliste. Du darfst müde sein – aber bitte mit Kollagenpulver, Yoga und Dankbarkeitstagebuch.
ÄRZTE.DE: Nach einer sehr gesunden, beinahe vegetarischen Phase haben Sie sich entschieden, wieder vermeintlich „ungesunde“ Lebensmittel in Ihr Leben zu lassen. Warum haben Sie diese Entscheidung getroffen und haben sich Ihre Erwartungen dazu erfüllt?
Katharina Hingsammer: Ja, weil ich satt sein wollte. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Weil ich gemerkt habe: Mein Streben nach „gesund“ hat mich oft nicht glücklich gemacht. Ich bin ein Fan, seiner Intuition zu folgen, dazu gehört für mich auch intuitives Essen ohne schlechtes Gewissen.
ÄRZTE.DE: Gibt es noch andere Dinge in Ihrem Leben, die nicht den offiziellen Regeln und Empfehlungen folgen und Ihnen gerade deshalb guttun?
Katharina Hingsammer: Ja, zum Beispiel, dass mein Kind immer noch bei mir im Bett schläft. So bekommt er die Nähe, die er braucht - aber ich auch - und alle den notwendigen Schlaf. Oder mal eine Massage mitten am Tag, einfach so, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen.
ist Unternehmerin, Mutter und Influencerin. In Österreich gehörte sie zu einer der ersten hauptberuflichen Bloggerinnen. Zudem war sie Herausgeberin eines Online Magazins. Heute ist Katharina Hingsammer Co-Founderin von Babetown, eines Beauty Concept Stores in Wien und Berlin, und als @ketchem eine der größten Influencerin Österreichs. Als solche spricht sie auch über die Herausforderungen und Freuden, die das Leben als berufstätige Mutter mit sich bringt.
Von der Überlastung zu einem authentischen Leben als Mutter
ÄRZTE.DE: Lassen Sie uns noch einmal zur Überlastung von Müttern zurückkommen. Gab es einen Moment, an dem Sie gemerkt haben, dass Sie als Mutter eher die Erwartungen von außen erfüllen und nicht Ihre eigenen?
Katharina Hingsammer: Zum Glück nicht sehr oft, weil mein Kind es mir beigebracht hat, meinen eigenen Prioritäten stärker zu folgen als den Ansprüchen von außen - für uns muss es passen, nicht für die Anderen. Generell empfand ich den Druck, ein zweites Kind bekommen zu müssen, als sehr stark und übergriffig von allen Seiten kommuniziert, darum habe ich mich wirklich lange dagegengestemmt, bis es sich wirklich für uns als Familie richtig angefühlt hat.
ÄRZTE.DE: Wie haben Sie den Weg zurück zu sich selbst und Ihren eigenen Wünschen erlebt? Was es ein Befreiungsschlag oder hat sich der Druck durch die eigenen Erwartungen zunächst erhöht?
Katharina Hingsammer: Ich habe es als sehr befreiend empfunden und kann nur sagen, dass dieses Jahr, wo ich wirklich fast ausschließlich nur für mich und mein Kind verantwortlich war, das Schönste meines Lebens war.
ÄRZTE.DE: Sie bewegen sich seit vielen Jahren im Social-Media-Umfeld. Wie beeinflusst der permanente öffentliche Blick Ihren Weg zu einem authentischen Leben als Mutter?
Katharina Hingsammer: Ich versuche, meine Mutterschaft und mein Kind weitgehend von meinem Social Media Account fernzuhalten, das hilft unheimlich, weil man dadurch die Meinungen von Außenstehenden minimiert. Aber gleichzeitig will ich auch dazu inspirieren, dass man eben nicht immer perfekt sein muss, auch nicht als Mutter.
Wir sollten uns von unserem Bild einer Mutter lösen
ÄRZTE.DE: Im beruflichen Kontext haben Frauen heute viele unterschiedliche Vorbilder, Mütter scheint es allerdings nur in der aufopfernden, „für alles zuständigen“ Rolle zu geben. Glauben Sie, deshalb finden sich so viele moderne Frauen nach der Geburt plötzlich in den traditionellen Rollenbildern wieder?
Katharina Hingsammer: Ja, weil Care-Arbeit nicht sichtbar ist, aber erwartet wird. Und weil viele von uns mit Gleichberechtigung im Job großgeworden sind – aber nicht mit Gleichverteilung zu Hause. Also rutschen wir zurück in Rollen, die wir nie gewählt haben. Aus Bequemlichkeit, Schuld oder Liebe oder weil die Systeme und Strukturen, in denen wir leben, es nicht anders zulassen.
ÄRZTE.DE: Was raten Sie Müttern, die in Ihrer Rolle oder in Ihrem Leben unglücklich sind?
Katharina Hingsammer: Hör auf, dich zu schämen. Du bist kein schlechter Mensch, nur weil du in dieser Rolle manchmal nicht glücklich bist. Und: Du darfst etwas ändern. Auch wenn es wehtut. Auch wenn andere es nicht verstehen.
Streit mit dem Partner, um etwas an der Beziehung oder im Leben generell ist auch nicht immer unbedingt etwas Negatives: in meinem Fall war es immer ein Katalysator für Veränderung.
ÄRZTE.DE: Und was müsste sich konkret in der Gesellschaft ändern, damit Mütter mehr auf Ihre eigene Gesundheit und Ihre eigenen Wünsche eingehen können?
Katharina Hingsammer: Weniger Ideale, mehr Infrastruktur. Weniger Ratgeber, mehr echte Hilfe. Und: ein gesellschaftlicher Konsens, dass Mütter nicht Heldinnen sein müssen, um einfach als Menschen gesehen zu werden.
Was werden Sie beim zweiten Kind anders machen?
ÄRZTE.DE: Sie erwarten gerade Ihr zweites Kind. Was haben Sie sich vorgenommen, dieses Mal anders zu machen, um sich nicht wieder selbst zu verlieren?
Katharina Hingsammer: Ich werde mich nicht mehr am Maßstab der anderen messen. Dieses Mal will ich weniger funktionieren und mehr spüren. Ich will öfter sagen: „Ich kann nicht mehr“ und Hilfe annehmen, wenn sie geboten wird, oder diese aktiv einfordern. Außerdem weiß ich jetzt beim zweiten Mal natürlich besser, was auf mich zukommt, wo ich vielleicht Unterstützung brauche oder es mir leichter machen kann.
Hinweis: In diesem Text sind Links zu Amazon enthalten. Erfolgt über diese Links eine Bestellung, erhält sanego eine Provision.