Immer mehr Ärztinnen: Wie verändert sich dadurch der Arztberuf?

Ein Ärztin in einer Besprechung mit Kollegen und Kolleginnen. Sie schaut in die Kamera und lächelt.
Schon jetzt gibt es mehr Ärztinnen als Ärzte in Deutschland. | © Rido - stock.adobe.com

Im Gesundheitswesen arbeiten vor allem Frauen – und das nicht nur in den Ausbildungsberufen wie MFA oder Pflegefachkraft. Auch unter der Ärzteschaft steigt der Frauenanteil. Inzwischen sind 60 % der Medizinstudierenden weiblich. 2024 gab es erstmals mehr berufstätige Ärztinnen als Ärzte in Deutschland. Einige Experten und Expertinnen sprechen in diesem Zusammenhang von einer Feminisierung der Medizin.

Frauen im Arztberuf in Zahlen:

  • Über 60 % der Medizinstudierenden sind weiblich.
  • 2024 gab es erstmals mehr berufstätige Ärztinnen als Ärzte in Deutschland.
  • Frauen sind häufiger in der Gynäkologie (74,2 %), Kinder- und Jugendmedizin (64,8 %) oder Allgemeinmedizin (54,0 %), seltener in der Chirurgie (24,4 %) oder Urologie (23,2 %) tätig. (Bundesärztekammer)
  • Der Frauenanteil in Kliniken bei Oberärztinnen liegt bei 45 %, bei leitenden Oberärzten ohne Professur bei 29 % und bei Klinikleitungen bei 15 %.
  • 25,7 % der medizinischen Fachgesellschaften werden von einer Frau als Präsidentin geführt.

In den nächsten Jahren werden also überwiegend Frauen den Arztberuf prägen. Doch was bedeutet das für die Arbeit als Arzt oder Ärztin? Welchen Herausforderungen muss sich das Gesundheitswesen jetzt stellen und wie wird es sich verändern?

Wann gibt es mehr Ärztinnen in Führungspositionen?

Die Zahlen zeigen: Immer mehr Frauen wollen Ärztinnen werden. Im Laufe der Ausbildung fallen Sie aber oft hinter Ihre männlichen Kollegen zurück. Denn es gibt deutlich weniger Frauen in Führungspositionen. Der Marburger Bund führt das auch auf die Familienplanung zurück. Um das Baby zu schützen, dürfen schwangere Ärztinnen viele Tätigkeiten schon ab bekannt werden der Schwangerschaft nicht mehr ausführen oder gehen vorsichtshalber in ein Beschäftigungsverbot. Gerade wenn das während der Facharztausbildung der Fall ist, fehlen ihnen so wichtige Voraussetzungen für einen Abschluss. Auch nach dem Facharzt wird eine längere Auszeit oft mit fehlenden Kenntnissen gleichgesetzt. Ärztinnen, die für die Familie einige Zeit zu Hause bleiben, müssen zunächst oft tiefer wieder einsteigen oder bekommen weniger Verantwortung.

Hier spielen auch Vorurteile und gesellschaftliche Erwartungen eine Rolle. Denn Umfragen zeigen, dass wir immer noch davon ausgehen, dass Frauen für die Betreuung der Kinder beruflich zurückstecken sollten. Dabei übernehmen Väter heute mehr Sorgearbeit und möchten mehr in das Familienleben einbezogen werden. Das verschafft Müttern Freiräume für die Karriere. Gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen, die ohne Partner und ohne Kinder leben.

Würde also alleine die Familienplanung Ärztinnen von Führungspositionen abhalten, sollte es dort spätestens jetzt einen immer größeren Frauenanteil geben. Ähnlich wie in anderen Branchen wird für die wenigen Frauen in Führungspositionen aber auch noch ein weitere Ursache genannt. Alle Menschen, auch Ärzte und Ärztinnen, neigen dazu, Kollegen und Kolleginnen zu fördern, die ihnen ähnlich sind. Ist also der aktuelle Oberarzt oder die Klinikleitung männlich, ist es wahrscheinlich, dass er als seinen Nachfolger einen Arzt mit einem ähnlichen Werdegang vorschlägt. So bleibt die Führungsetage männlich, selbst wenn es auch geeignete weibliche Kandidaten für eine Stelle gibt. Um dieses als similar-to-me bias bezeichnete Phänomen zu umgehen, können etwa objektive Auswahlverfahren wie anonymisierte Bewerbungsverfahren und transparente Beförderungsregeln, aber auch eine Sensibilisierung der Führungskräfte und diverse Auswahlgremien bei Stellenentscheidungen helfen.

Neue Anforderungen schaffen neue Strukturen

Parallel zum steigenden Frauenanteil in der Ärzteschaft sinkt die durchschnittliche Arbeitszeit auf 40,3 Stunden pro Woche. Die Zahl der Teilzeitstellen nimmt zu und immer mehr Ärzte und Ärztinnen arbeiten im Angestellten-Verhältnis. Unter Medizinstudierenden ist die Vereinbarkeit mit Freizeit und Familie besonders wichtig, wie eine Umfrage von 2022 zeigt. Diese Entwicklungen zeigen:

  • In Zukunft werden wir mehr Ärzte und Ärztinnen brauchen, um die gleiche Zahl von Arbeitsstunden abzudecken.
  • Vor allem Kliniken müssen ihre Personalpolitik überdenken und die Freizeitgestaltung mitdenken.
  • Vereinbarkeit und planbare Arbeitszeiten werden wichtiger.

Das ist aber nicht alleine auf die Frauen im Arztberuf zurückzuführen. Denn in den Umfragen und Statistiken zeigt sich klar, dass Männer sich ebenso mehr Vereinbarkeit und Freizeit wünschen. Fachverbände wie der Marburger Bund führen die Entwicklung auch auf die hohe Belastung im Arztberuf zurück. Zu wenig Personal, zu viel Bürokratie und zu langsame Digitalisierung bringe viele Ärzte und Ärztinnen dazu, sich mehr Ausgleich zu wünschen. Zudem hat sich die gesamte Arbeitswelt verändert. Mentale Gesundheit und Freizeitgestaltung spielen insgesamt eine größere Rolle sowohl bei der nachfolgenden Generation als auch bei den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen insgesamt. Der hohe Frauenanteil begünstigt also die Umstrukturierung im Arztberuf, ist aber nicht der alleinige Auslöser.

Beeinflusst der Frauenanteil unter Ärzten das Gehalt?

Der Gender Pay Gap, also der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen bei gleicher Tätigkeit ist unter Ärzten und Ärztinnen besonders hoch. Umfragen ermitteln etwa 21 %. Durchschnittlich über alle Berufsgruppen liegt er bei 16 %. Auch bei Betrachtung der einzelnen Fachbereiche zeigt sich ein ähnliches Muster. Praxen der Gynäkologie melden einen deutlich geringeren Jahresüberschuss als Urologie-Praxen. Angestellte Ärzte und Ärztinnen in der Chirurgie und Orthopädie verdienen durchschnittlich am meisten, während die Pädiatrie das Schlusslicht bildete. Fachbereiche mit einem geringen Frauenanteil können also mit einem deutlichen höheren Gehalt rechen als Fachbereiche mit besonders vielen Ärztinnen.

Bisher gibt es keine Belege dafür, dass das Gehalt von Ärzten und Ärztinnen insgesamt sinkt. Tarifverträge sichern das Lohnniveau. 2024 gab es zum Beispiel eine Tariferhöhung Ärzte und Ärztinnen für kommunale Krankenhäuser, während gleichzeitig erstmals mehr Ärztinnen als Ärzte in Deutschland tätig waren. Dennoch könnten die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen ein Warnsignal sein. Untersuchungen zeigen klar, dass für vormals männlich dominierte Berufe das Gehalt sinkt, wenn der Frauenanteil überwiegt. Experten und Expertinnen warnen zudem schon länger vor einer Abwertung des Arztberufes. Ob Gehaltsniveau und Anerkennung für Ärzte und Ärztinnen auch in Zukunft stabil bleiben, lässt sich also nur schwer voraussagen.

Quellen

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