Einzelpraxis, Praxisgemeinschaft oder Berufsausübungsgemeinschaft – ein Überblick

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Viele Ärzte stellen sich zu Beginn ihrer Laufbahn, manche auch später, die Frage, ob eine Beteiligung in einer Kooperation eine geeignete Alternative zur Einzelpraxis darstellt. Je nach Standort, medizinischem Angebot und Versorgungsauftrag kann sie schließlich erhebliche Vorteile gegenüber der Gründung oder Übernahme einer Einzelpraxis darstellen. Es mögen steigender Kostendruck oder anspruchsvolle Rahmenbedingungen sein: Welche Motivation auch dahintersteckt, die Schritte bis zur Entscheidung und gegebenenfalls Gründung sind komplex. Dieser Artikel soll einen ersten Überblick bieten.

Mehr Zeit oder mehr Unabhängigkeit?

Wie sagt man so schön? „Zahlen sprechen für sich.“ In diesem Fall sind es die Zahlen der letzten „Existenzgründungsanalyse Ärzte“ der apoBank, die besagen, dass sich 70 % aller Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten wünschen. Wer diesen Wunsch weiterdenkt, wird um das in Betracht nehmen einer Kooperation nicht herumkommen, denn „Zeit für mehr“ stellen vor allem diese in Aussicht. Immerhin 64 % der 700 befragten Ärzte hätten gerne mehr berufliche Unabhängigkeit, vollumfänglich bietet dies nur die Arbeit in einer Einzelpraxis, entweder neu gegründet oder übernommen.

Welche Kooperationsformen gibt es?

Einer Umfrage zufolge, können angestellte Ärzte in vielen Fällen mehr leisten, da sie kaum Zeit für administrative Tätigkeiten und Prozessmanagement aufwenden müssen. Technische Geräte sind in Kooperationen in der Regel bestens ausgelastet, fragwürdige Untersuchungen, um dies sicherzustellen, fallen weg.

  1. Praxisgemeinschaft

Um Kosten zu sparen, gründen viele Ärzte eine Praxisgemeinschaft. Hierbei handelt es sich lediglich um eine Verbindung zweier eigenständiger Praxen. Praxisräume, technische Geräte und das Personal werden, vorausgesetzt es handelt sich um die gleiche Fachrichtung, geteilt. Alle anderen wirtschaftlichen Belange werden getrennt bearbeitet, wie etwa das Abrechnen von Leistungen, Einnahmen, Außendarstellung oder Marketing. Auch die Patientenstämme bleiben getrennt.

Vielen Ärzte ist diese Unabhängigkeit der Gesellschafter wichtig, da die Entscheidungsfreiheit zu jeder Zeit in vollem Umfang erhalten bleibt. Anders als bei einer Berufsausübungsgemeinschaft (BAG), haften Ärzte einer Praxisgemeinschaft nicht für Behandlungsfehler des anderen. Zudem ist eine Trennung jederzeit möglich.

  1. Berufsausübungsgemeinschaft (BAG)

Der Begriff „Berufsausübungsgemeinschaft“ bezeichnet unter anderem das Modell der Gemeinschaftspraxis. Anders als bei einer Praxisgemeinschaft werden hier nicht nur Räume und Geräte geteilt, es findet zudem auch Gewinnpooling statt – alle erwirtschafteten Risiken und Einnahmen werden geteilt und die Gesellschafter treten nach außen hin als Einheit auf.

Es existiert nur eine Abrechnungsnummer für erbrachte Leistungen und für mögliche Fehler in der Behandlung eines Partners haften alle Ärzte der BAG. Es ist keinesfalls nötig, dass es sich hierbei um zwei gleichwertige Partner handelt: Eine individuelle Regelung, auch bezüglich der Gewinnverteilung, ist möglich. Um Konflikte zu vermeiden, sollte dies präzise festgehalten werden.

  1. Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ)

Ein „Medizinisches Versorgungszentrum“ ist – per definitionem eine ärztlich geleitete Einrichtung, in welcher in das Arztregister eingetragene Ärzte verschiedener Fachrichtungen in Anstellung oder als Vertragspartner tätig sind. Die Tätigkeit in einem MVZ gestaltet sich meist weniger komplex als die Erklärung des Begriffs vermuten lässt. Erklärter Vorteil vieler MVZ-Ärzte zufolge, ist die Chance zur freien, beruflichen Entfaltung. Laut Umfragen beträgt die allgemeine Arbeitszeit eines Arztes einer Einzelpraxis 60 bis 80 Stunden pro Woche, wovon etwa die Hälfte der Zeit für organisatorische Tätigkeiten genutzt wird. Bürokratie spielt in vielen MVZs Dank eines Praxismanagers kaum eine Rolle. Individuelle Arbeitsverträge, etwa in einem 30-Stunden-Modell, sollen die Möglichkeit geben, den Fokus rein auf die Behandlung der Patienten, Weiterbildung, oder Neuorientierung zu legen. Breitere Öffnungszeiten, auf den Patienten abgestimmte Hausbesuche oder auch die Einrichtung einer Akutsprechstunde sind einfacher umzusetzen. Zudem ist die Übergabe eines MVZ an einen Nachfolger meist einfacher.

Was zeichnet eine Einzelpraxis aus?

Die letzte „Existenzgründungsanalyse Ärzte“ der apoBank zeigt: Die Zahl der neu gegründeten Einzelpraxen macht mit 5 % nur einen kleinen Teil der Existenzgründungen aus. Von diesem Trend völlig unbeeindruckt zeigen sich die Zahlen derer, die eine Einzelpraxis übernehmen: Knapp über die Hälfte aller von der apoBank finanzierten Existenzgründungen sind Einzelpraxisübernahmen.

So verlockend sich geregelte Arbeitszeiten auch anhören mögen, das ultimative Maß an Freiheit besteht nach wie vor nur in der eigenen Einzelpraxis. Sei es bezüglich der Praxisräume, Leistungen oder des Personals: Wer wirklich freie Hand bezüglich der Gestaltung der Praxis möchte, ist mit einer Einzelpraxis gut beraten. Anders als in einer BAG oder MVZ bietet sich hier zudem die freie Wahl der Sprechstundenzeiten und Urlaubstermine. Letzteres setzt natürlich die Organisation einer Vertretung voraus, dies sollte an Aufwand nicht unterschätzt werden.