Antibiotika aus dem Ausland – was ist uns die Versorgungssicherheit wert?

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Lieferengpässe, auch für Antibiotika, gehören im Gesundheitswesen zum Alltag. Zu erklären sind sie leicht, denn die Produktion von Wirkstoffen und Intermediates findet im Ausland und dort sehr konzentriert auf wenige Standorte statt. Nun stellen Sie sich aber einmal folgendes Szenario vor: Eine Naturkatastrophe in China, etwa ein Erdbeben, legt eine ganze Antibiotikaproduzierende Anlage in Schutt und Asche. Absoluter Lieferausfall. Europa greift deshalb auf seine Reserven zurück, spätestens nach drei Monaten sind diese aber aufgebraucht. Ab diesem Moment sterben Patienten, denn es braucht viele Monate oder Jahre bis eine lokale Antibiotikaproduktion in Europa anläuft.

Sie finden, das klingt zu dramatisch? Mehr und mehr Akteure des europäischen Gesundheitswesens setzen sich unter anderem genau wegen befürchteter Szenarien wie diesem für eine Rückverlegung der Intermediate- und Wirkstoffproduktion nach Europa ein. Wie sieht die Situation im Moment aus? Welche Hürden gibt es? Wie kann der Produktionsstandort Europa attraktiver gestaltet werden?

Was ist uns die Versorgungssicherheit wert?

Eine Stärkung der heimischen Produktion von Intermediate- und Wirkstoffen ist wichtig, da die hohe Abhängigkeit von importierten Stoffen aus Non-EU-Ländern zu Lieferengpässen von (generischen) Antibiotika in Deutschland führen kann. Die Kapazitäten dieser Produzenten sind zumeist fix. Sollte es zu unvorhersehbaren Schwierigkeiten und Lieferengpässen kommen, priorisieren diese dann erst die Nachfrage des Bedarfs vor Ort. Immer wieder fallen zudem Produktionsmängel ausländischer Hersteller ins Gewicht. Die Folge auch hier: Verzögerungen in der Lieferung. Kommt es sogar zu Qualitätsmängeln der importierten Produkte, werden sie unbrauchbar und Patienten erhalten unter Umständen ein breiter wirksames Medikament. Resistenzen entstehen.

Die Problematik der Resistenzen

Auch in einem Beitrag über die Produktionsverlagerung von Antibiotika kommen wir nicht umhin über die wachsende Problematik der Resistenzen zu sprechen. Multiresistente Bakterienstämme breiten sich aus, sogar mehrere Antibiotika sind wirkungslos gegen sie. Die verschiedenen Ursachen wurden längst hinlänglich diskutiert, wie der Einsatz zur Wachstumsförderung in der Tierzucht, die zunehmende Anzahl der Patienten, die multiresistente Keime aus anderen Teilen der Welt mitbringen oder die fälschliche Verschreibung bei Viruserkrankungen. Ein Punkt kommt jedoch noch hinzu: antibiotische Wirkstoffe im Abwasser. Im Umkreis von Fabriken in Indien etwa, entstehen in Flüssen und anderen Gewässern gefährliche resistente Erreger, die sich mit Leichtigkeit global ausbreiten. Abwässer von Pharmaunternehmen müssen eigentlich auf dem Firmengelände gereinigt und aufbereitet werden. Dies ist allerdings sehr aufwendig und mit hohen Kosten verbunden.

Was spricht gegen eine Produktion in Europa?

Ein immenser Aufwand und hohe Kosten sind auch die Gründe, weshalb eine Rückverlagerung / Neuaufbau der Intermediate- und Wirkstoffproduktion nach / in Europa vor einigen Hürden steht. Die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung der Bürger und ein Ende der Abhängigkeit von ausländischen Produzenten, ist natürlich im Sinne der Regierung und des Gesundheitswesens. Für die Hersteller wäre das jedoch ein Verlustgeschäft, was ein Wirtschaften unter gegebenen Bedingungen unmöglich macht. Das niederschwellige Preisniveau (generischer) Antibiotika steht dem, zumindest im deutschen Gesundheitssystem ebenfalls entgegen.

Anders als in Ländern wie China oder Indien sehen sich Hersteller in Europa mit umfassenden Produktionsauflagen, hohen Lohnkosten und bisher fehlenden Technologien konfrontiert. Pro Anlage wird meist nur ein Wirkstoff hergestellt, um einer Kreuzkontamination vorzubeugen. Ein weiterer, relevanter Punkt auf der Liste ist die mangelnde Zahlungsbereitschaft höherer Preise seitens der Kunden. Es ist klar: Ohne maßgebliche Veränderungen der Voraussetzungen durch wirtschaftspolitische Entscheidungen bleibt das Vorhaben die Produktion zurückzuholen eine Wunschvorstellung.

 Wie kann eine Rückverlegung der Produktion realisiert werden?

Der Herstellerverband Pro Generika hat eine Studie zu eben jenem Thema in Auftrag gegeben. Ihr Fazit: Leicht wird es nicht. Um Deutschland als Produktionsstandort zu stärken, kämen demnach drei Möglichkeiten in Frage; ein staatlicher Eingriff beim Preis, Subventionen oder das Blocken von Kapazitäten durch die Förderung der Hersteller. Eine gesamteuropäische Beteiligung sollte angestrebt werden, viele geben bereits zu verstehen, dass sie an einer Rückführung interessiert seien. Krankenkassen sollten die langfristige und stete Sicherung von Mindestabnahmemengen der lokalen Produkte gewähren. Insgesamt müsse aber auch das Verständnis der Regierung für die Relevanz der Antibiotikaversorgung in Deutschland steigen. Der Weg dorthin könnte ein Dialog mit Vertretern aller beteiligter Akteure des Gesundheitswesens sein.