Unsere Serie zur Familienplanung – Teil IV: Die Frühgeburt

Bis zu zehn Prozent aller Babys kommen vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Dank Ärzten und Pflegepersonal haben sich im Vergleich zu früher die Entwicklungschancen der Frühchen deutlich verbessert. Wir sprachen mit Gertrud Lammertz, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin aus Köln, über Risikofaktoren, die Frühchenbetreuung und die Känguru-Methode.

Kinderkrankenschwester Gertrud Lammertz

 


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Warum haben es manche Kinder so eilig?
Kann die Mutter bestimmte Risiken aktiv meiden?
Woran lässt sich erkennen, dass es zu einer Frühgeburt kommen kann?
Wie wird das Kind betreut, wenn es zu früh auf die Welt kommt?
Wann ist ein Baby über den Berg?

Frau Lammertz, warum haben es manche Kinder so eilig?
Lammertz: Frühgeborene haben es eigentlich nicht von sich aus eilig. Sie werden zu früh geboren, weil die Bedingungen der Schwangerschaft sie dazu drängen

… Welche Bedingungen?
Lammertz: Es gibt bestimmte Risikofaktoren: eine Mehrlingsschwangerschaft, ein zu kurzer Gebärmutterhals, eine Infektion der Schwangeren, zum Beispiel eine Infektion der Fruchthöhle. Manchmal kommt es auch zu Plazenta-Problemen: Blutungen, einer falschen Lage oder eine vorzeitige Ablösung. Vorzeitige Wehen oder ein zu früher Blasensprung können ebenfalls eine Frühgeburt auslösen.

Das sind alles Faktoren, die unverschuldet auftreten. Kann die Mutter auch bestimmte Risiken aktiv meiden?
Lammertz: Auf jeden Fall. Auf den Konsum von Nikotin, Alkohol und Drogen muss während der Schwangerschaft verzichtet werden! Sonst wird unter Umständen eine Frühgeburt ausgelöst. Auch Stress ist ein ganz wichtiger Punkt, er kann sich negativ auf das Ungeborene auswirken.

Woran lässt sich erkennen, dass es möglicherweise zu einer Frühgeburt kommen kann?
Lammertz: An einer ungünstigen Lage der Plazenta zum Beispiel. Aber auch an der Öffnung des Muttermundes – wenn sich eine Frühgeburt ankündigt, ist er sehr früh zu weit geöffnet. Ebenfalls beobachtet werden muss die Wehen-Tätigkeit, also die Kontraktion der Gebärmutter.

Was wird verordnet, wenn eines oder gleich mehrere dieser Erkennungsmerkmale festgestellt werden?
Lammertz: Frauen mit einer drohenden Frühgeburt müssen sich körperlich schonen und gegebenenfalls die restliche Schwangerschaft im Liegen verbringen. Sie müssen unbedingt körperlichen und psychischen Stress vermeiden und dürfen keinesfalls Nikotin, Alkohol oder Drogen konsumieren.

Wie wird das Kind betreut, wenn es trotz aller Bemühungen zu früh auf die Welt kommt?
Lammertz: Zunächst wird das Kind in einem sogenannten Perinatalzentrum aufgenommen, das ist eine Intensivstation für Frühgeborene. Anschließend werden die Vitalzeichen gesichert. Hierbei wird die Atmung gewährleistet, eventuell muss das Kind vollbeatmet, oder über eine Atemunterstützung mit Sauerstoff versorgt werden. Die Herzfunktion und der Puls werden gegebenenfalls mithilfe von Medikamenten gesichert. Wichtig ist auch eine angemessene Körpertemperatur: Das Frühgeborene kommt in ein Wärmebettchen oder in einen Inkubator.

Was ist mit der Ernährung?
Lammertz: Die Kinder müssen kostaufgebaut werden. Sie bekommen entweder Muttermilch oder eine Spezialnahrung für Frühgeborene. Meist benötigen sie zusätzlich noch eine Infusion. Sie werden sozusagen aufgepäppelt.

Kommen wir zu den Eltern: Für sie ist eine Frühgeburt ein großer Schock, damit umzugehen, fällt schwer. Können sie trotzdem eine innige Beziehung zu ihrem Kind aufbauen?
Lammertz: Ja. Das funktioniert mithilfe der Känguru-Methode. Sie beschreibt den Kontakt zwischen dem Kind und seinen Eltern. Dabei wird das Kind nur mit Windel auf den nackten Oberkörper eines Elternteils gelegt. Das fördert die Beziehung. Das Kind lernt seine Eltern durch Riechen, Schmecken und Tasten kennen. So entsteht trotz Geburtsstress und dem viel zu frühen Start ins Leben eine Beziehung.

Was müssen die Eltern dabei beachten?
Lammertz: Es ist wichtig, dass die Eltern entweder gar kein Parfüm tragen oder immer das gleiche. Die Kinder müssen eine Konstante erfahren. Zudem sollten sich Eltern für das Känguruhen bewusst Zeit nehmen, mindestens eine dreiviertel Stunde und höchstens anderthalb, um Stress für das Frühgeborene zu vermeiden.

Wann ist ein Baby über den Berg?
Lammertz: In unserer Klinik werden die Kinder entlassen, wenn sie die korrigierte vollendete 36. Schwangerschaftswoche erreicht haben. Außerdem muss das Kind stetig an Gewicht zunehmen und mindestens über 2500 Gramm wiegen.

Interview: Sandra Stöckl-Bayerlein
23.02.1015

 

SWR-Beitrag zum Thema Frühgeburt:

 

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Lesen Sie auch die anderen Teile unserer Serie zur Familienplanung:
Teil III: Die GeburtTeil II: Die Schwangerschaft
Teil I: Der Kinderwunsch 

 

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